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Kolumne: Total Digital
Endstation Digitalien

Kolumne: Total Digital: Endstation Digitalien
FOTO: Mathias Vietmeier
München. Nach Jahren des Zögerns wollen endlich auch die deutschen Reiseunternehmen im Netz voll durchstarten. Ausgerechnet die zwei größten deutschen Flaggschiffe Deutsche Bahn und Lufthansa erweisen sich im Alltagstest als digitale Bremser. Von Richard Gutjahr

Gute Nachrichten für alle Sommerurlauber: Die horrenden Roaminggebühren innerhalb der EU sind abgeschafft. Auch die sogenannte Störerhaftung war einmal. Die Folge: Ob im Hotel oder in den Straßencafés, überall schießen Gratis-Hotspots aus dem Boden. Noch nie war das Surfen im Urlaub einfacher und günstiger. Wären da nicht die noch immer unbrauchbaren Online-Angebote deutscher Reiseunternehmen wie Lufthansa oder Deutsche Bahn.

Beispiel Bahn. Hier hat sich der Konzern jüngst mal wieder selbst übertroffen. Die App "DB Navigator" erweist sich im Alltagstest als alles andere als "papierlos und unkompliziert". Von wegen! Das praktische Online-Ticket gilt nur, wenn man dazu einen gültigen behördlichen Lichtbildausweis mit sich führt.

Hat man seinen Ausweis nicht dabei, ist das bereits bezahlte Online-Ticket ungültig, so als hätte man es nie gekauft! Die Folge: Strafgebühr ("Fahrpreisnacherhebung"), gegebenenfalls muss man sogar einen komplett neuen Fahrschein erwerben. Ausnahme: Man besitzt eine Bahncard Business. Ach ja: Beim ollen, analogen Automaten-Fahrschein braucht man übrigens gar keinen Ausweis. Wer soll das verstehen?

Beispiel Lufthansa. Die (Eigenwerbung: "digitalste Fluglinie der Welt") schafft es immer noch nicht, im Jahr 2017 eine halbwegs brauchbare Website hinzubekommen. Die Ladezeiten erinnern an die Anfänge des World Wide Web, als man sich noch mit Akkustikkoppler oder 56K-Modem ins Netz eingewählt hat ("Bin ich schon drin?").

Wer dann aber die geballte digitale Unfähigkeit beider Unternehmen kennenlernen möchte, dem empfehle ich das Rail&Fly-Angebot der beiden Reise-Riesen. Mit Rail&Fly reise man "kostengünstig", "flexibel" und "unkompliziert" von 5600 DB-Bahnhöfen zum Flughafen. Es sei denn, man sitzt wie ich neulich im falschen Waggon.

Weil der mir zugewiesene Lufthansa-Waggon kurzfristig ausgetauscht worden war, nehme ich in einem anderen Wagen Platz. Stolz präsentiere ich dem Bahn-Schaffner unaufgefordert meinen Online-Fahrschein zusammen mit meinem gültigen Reisepass. "Ungültig!", blafft mich der Schaffner an. "Wieso?" will ich wissen. Mein Rail&Fly-Ticket gelte ausschließlich im Lufthansa-Waggon – desselben Zugs. Dort hätte der Schaffner einen Scanner, der mit dem Lufthansa-System verbunden sei. Seiner könne das Ticket nicht lesen. Die Systeme seien nicht kompatibel. Keine Pointe.

Richard Gutjahr ist Moderator für das Bayerische Fernsehen und Blogger. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

 
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