| 06.34 Uhr

Kolumne: Total Digital
Genug von Böhmermann

Kolumne: Total Digital: Genug von Böhmermann
FOTO: RP
Düsseldorf. Ein Gedicht eines Satirikers dominiert das Netz seit den vergangenen drei Wochen. Die undurchsichtigen finanziellen Machenschaften Prominenter bei den Panama-Papers gehen dagegen fast unter. Von Daniel Fiene

Sonntag, 09:30 Uhr, meinen zweiten Kaffee hatte ich bereits getrunken. Mir ist im Netz noch kein Facebook-Posting oder Tweet zu Jan Böhmermann begegnet. Ich bin irritiert. Ist alles in Ordnung? Ist endlich geklärt, ob es sich bei dem Erdogan-Schmähgedicht um das Meisterstück des TV-Satirikers handelt?

Jan Böhmermann ist einer der wenigen Medienmacher, die wirklich das Netz verstehen. Er kann die Mechanismen bedienen, um maximalen Erfolg zu haben. Nur dieses Mal findet die Show ohne den Maestro statt. Böhmermann blieb nichts anderes übrig, als eine vierwöchige Sendepause anzukündigen. Es wird gewitzelt, der Skandal rund um ihn werde von einflussreichen Betroffenen der Enthüllungen der "Panama Paper" angetrieben, um abzulenken.

Das Gedicht provozierte 114.000 Beiträge

Das ist natürlich völliger Unsinn, wenn man einen Blick auf die Dynamik der Diskussion wirft: Die Anzahl der Beiträge – vom Kommentar in einem kleinen Forum bis hin zum großen Aufmacher auf Nachrichtenseiten – bestätigt das Gefühl: Die Aufmerksamkeit gehört Böhmermann. Die Auswirkungen der Panama Papers spielen eine untergeordnete Rolle. Das Gedicht eines Satirikers provozierte die letzten drei Wochen 114.000 Beiträge. Die undurchsichtigen finanziellen Machenschaften Prominenter resultierten nur in 57.000 Beiträgen. Das ist gerade einmal die Hälfte.

Als die Kanzlerin das Gedicht als "bewusst verletzend" bezeichnete, war die erste größere Diskussion messbar. Die nächsten Spitzen: Böhmermann sagt seine nächste Sendung ab (doppelt so viele Beiträge), die Strafanzeige durch Erdogan (sechs Mal so viele Reaktionen) und schließlich der absolute Höhepunkt, als Merkel am Freitag die Ermächtigung des Strafverlangens bekannt gab. In der Folge gab es elf Mal so viele Reaktionen im Vergleich zu ersten öffentlichen Statement von Merkel. Es scheinen nur zwei Haltungen erlaubt: Entweder regt man sich über Merkels Entscheidung auf, oder man weist neunmalklug auf ihr korrektes Verhalten hin und spricht dabei sein vollstes Vertrauen in den Rechtsstaat aus.

Der erfolgreichste Böhmermann-Link in den letzten Wochen hatte übrigens überhaupt nichts mit Erdogan zu tun. Es ist das Video "Be Deutsch!" – in Rammstein-Manier hält er der AfD-Klientel den Spiegel vor und zeigt ihnen, dass sie alles, nur nicht Deutschland sind. Das Video ist vier Mal viraler als Merkels-Erklärung von Freitag. "Be Deutsch" — diesen Gefallen erfüllen die Deutschen Jan Böhmermann mit ihrem Debattenverhalten rund um den Erdogan-Streit derzeit.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Kolumne: Total Digital: Genug von Böhmermann


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.