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Kolumne: Total Digital
Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Kolumne: Total Digital: Ist das Glas halb voll oder halb leer?
FOTO: RP
Seattle. Ob man eher Chancen oder Risiken des digitalen Fortschritts sieht, ist vor allem eine Frage der Perspektive des Einzelnen, aber auch der jeweiligen Gesellschaft. Von Ulrike Langer

Ist eine Zukunft bedrohlich, in der alles mit allem vernetzt ist und immer mehr Daten von jedem jederzeit, überall und in Echtzeit abgerufen werden können? Oder ist dieses Szenario vielleicht bequem, zeitsparend und kostensenkend? Vernichtet die fortschreitende Automatisierung vor allem Arbeitsplätze? Oder schafft sie auch neue Jobs? Auch solche, die es heute noch gar nicht gibt?

Führen digitale Armbänder, die Puls, Blutdruck und andere medizinische Daten messen, zur Benachteiligung und Aussonderung von Kranken im Berufsleben und bei Versicherungstarifen? Oder dienen sie vor allem dem medizinischen Fortschritt und helfen sie sogar Leben retten? Führt ein weltumspannendes und lückenloses Internet dazu, dass wir bald nirgendwo mehr offline sein und uns entspannen können? Oder schaffen Satelliten im All, die auch abgelegene Gegenden ans Netz bringen, Chancen für alle, an der modernen Gesellschaft teilzunehmen?

Objektive Antworten auf all diese Fragen scheinen mir unmöglich. Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, hängt von der Perspektive des Einzelnen, aber auch der jeweiligen Gesellschaft ab. Mir wird von deutschen Freunden und Bekannten - und auch von Lesern dieser Kolumne - nicht selten ein naiver Fortschrittsglaube vorgeworfen. Als in Deutschland Aufgewachsene kann ich diese Haltung verstehen, doch nach sechs Jahren in den USA merke ich, dass die bejahende und zupackende Einstellung der Amerikaner auf mich abfärbt. Erst einmal die Chancen und Vorteile sehen, anstatt die möglichen Risiken und Nachteile aufzuzählen - das ist hier die Mehrheitshaltung. In Deutschland erntet dagegen meistens derjenige Zuspruch, der neuen Technologien eher skeptisch gegenübersteht.

Manchmal nähern sich die Perspektiven an und treffen sich in der Mitte des Atlantiks. Viele Amerikaner machen sich Gedanken über die Notwendigkeit, ihre persönlichen Daten zu schützen. Die strengen deutschen Verbraucherschutzgesetze gelten kritischen US-Konsumenten als Vorbild. Umgekehrt kenne ich in Deutschland persönlich niemanden mehr, der den Nutzen von Smartphones anzweifelt. Manchmal habe ich mich auch geirrt. Noch vor drei oder vier Jahren hätte ich nicht geglaubt, wie sehr Facebook und Co. von Phänomenen wie Fake News und Hasskommentaren und offenen Gewaltdarstellungen überflutet werden könnten. Heute glaube ich, im sozialen Netz ist das Glas tatsächlich halb leer.

Ulrike Langer ist freie Korrespondentin an der US-Westküste und Digital-Expertin. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

 
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