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Nach 9/11 entdeckten viele Amerikaner das Bloggen

Total Digital: Nach 9/11 entdeckten viele Amerikaner das Bloggen
FOTO: RP
Als vor 15 Jahren zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers gelenkt wurden, erschütterte dies nicht nur die westliche Welt. Der Anschlag war ein Katalysator für soziale Medien. Blogs sind heute ein gelebtes Stück Demokratie.

In diesen Tagen erinnert man sich wieder. Jeder hat seine eigene Geschichte zu 9/11. 15 Jahre später erinnere ich mich auch daran, wie diese Anschläge das Netz revolutionierten. In den Wochen nach dem 11. September entdeckten viele Amerikaner die noch junge Netz-Darstellungsform des Bloggens für sich. Sie wollten ihre Ängste und Sorgen ausdrücken. Blogger schafften es, den offiziellen Diskurs zwischen Politik und traditionellen Medien aufzubrechen. Blogs sind eine der frühen Formen von Social Media und dienen als Grundlage für Netzwerke wie Facebook und Twitter. Neben den privaten oder politischen Blogs gibt es heute eine hoch-professionalisierte Szene. Aus einigen Blogs sind millionenschwere Medienunternehmen gewachsen.

Die Netzpolitik.org-Affäre belastete den Generalbundesanwalt

Auch in Deutschland darf die Macht der Blogosphäre nicht unterschätzt werden. Als Horst Köhler 2010 sein Amt aufgab, war es nicht nur der erste Rücktritt eines Bundespräsidenten mit sofortiger Wirkung, sondern auch einer mit Blog-Beteiligung. Er stürzte über sein Zitat, welches im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde. Zunächst nahm niemand Notiz. Erst als sich einige Blogs mit Köhlers Äußerungen befassten, nahm die Empörung ihren Lauf.

Das Ermittlungsverfahren gegen die Blogger von Netzpolitik.org löste 2015 eine Entrüstungswelle aus, weil gegen sie wegen Verdacht des Landesverrats ermittelt wurde. Das Vorgehen des Staates erinnerte an die Spiegel-Affäre von 1962. International gab es Kritik, und der Staat gab gegenüber den Bloggern nach. Am Ende ging der beteiligte Generalbundesanwalt des Bundesgerichtshofs in den Ruhestand.

Die Reichweiten von Pegida, AfD und Co. sind enorm

Mit dem Entstehen von Social Media wuchs die Hoffnung auf eine breite gesellschaftliche und politische Beteiligung. Doch diese Hoffnungen sind der Realität gewichen: Hasskommentare und Populismus machen sich seit Monaten breit. Pegida, AfD und Co. beherrschen die Mechanismen gekonnt. Ihre Reichweiten sind enorm und stellen die digitale Arbeit von traditionellen Parteien in den Schatten. Dennoch ist Social Media nicht gescheitert. Blogs sind heute ein gelebtes Stück Demokratie.

Die Bloglandschaft in Deutschland ist groß. Junge Eltern vernetzen sich in Mami-Blogs, Fitnesstrainer wagen den Schritt in die Selbstständigkeit, Krebspatienten schildern ihren Krankheitsverlauf bis zum Tod, nicht nur aus selbsttherapeutischen Zwecken - sie geben anderen Kraft und Mut. Auch wenn die sozialen Netzwerke unsere Gesellschaft vor Herausforderungen stellen, bieten sie für den Einzelnen heute eine Form persönlicher Freiheit.

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