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Bodyguards für Journalisten

Total Digital: Bodyguards für Journalisten
Die Vorstellung, dass mitten in Deutschland Journalisten Bodyguards brauchen, klingt absurd. FOTO: ap
Düsseldorf. Es bewegt sich etwas beim Kampf gegen Hass im Netz. Aber leider ist das Problem inzwischen viel größer: Der MDR lässt seine Reporter auf Pegida-Demos künftig von Sicherheitspersonal schützen. Von Daniel Fiene

Angela Merkel hatte sich selbst gekümmert. Als sie im September Facebook-Chef Mark Zuckerberg traf, sprach sie ihn auf die Hassbotschaften in seinem Netzwerk an - sein Konzern müsse etwas tun. Ein simples "Yeah" als Antwort fingen die Mikrofone ein - eine Reaktion, die großen Interpretationsspielraum ließ.

Heute kommt Sheryl Sandberg nach Berlin, die Nummer zwei bei Facebook. Sie soll eine neue Initiative vorstellen. Auch, so erzählt man sich, will Facebook künftig Hassbotschaften von Deutschland aus löschen. Es bewegt sich also doch etwas. Davon wird das Netzwerk aber nicht viel haben.

Auf Hassbotschaften folgen Übergriffe

Spätestens seit der Kölner Silvesternacht ist der Ärger über Facebook in den Hintergrund gerückt. Die aufgeladene Stimmung kristallisiert sich inzwischen in der Realität. Das merken wir auch im Journalismus. Zunächst gab es viele Hassbotschaften unter unseren Artikeln. Mittlerweile kommt es zu richtigen Übergriffen, zum Beispiel gegen die Kollegin Ine Dippmann, Sachsen-Korrespondetin bei MDR Info, während einer Legida-Demonstration in Leipzig.

Die neue ARD-Vorsitzende und MDR-Intendantin Karola Wille hat als Reaktion etwas gesagt, das mir Sorgen macht: Ihr Sender hat beschlossen, seine Reporter auf Kundgebungen von Pegida und Co. generell von Sicherheitspersonal begleiten zu lassen. "Mit dem tätlichen Angriff auf unsere Kollegin ist erneut eine Grenze überschritten worden. Wir werden uns nicht einschüchtern lassen, wir werden weiter berichten", sagt Wille. Der neue Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbands, Frank Überall, hat in der vergangenen Woche die Website "augenzeugen.info" gestartet. " Auch der von Karola Wille angesprochene Zwischenfall ist Thema.

"Schere im Kopf" wird zur Gefahr

Der DJV hat Strafanzeige wegen Volksverhetzung gegen die Pegida-Organisatorin Tatjana Festerling erstattet. Kurz bevor die MDR-Reporterin angegriffen wurde, hatte Festerling auf der Demonstration gesagt: "Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln."

Die Vorstellung, dass mitten in Deutschland Journalisten Bodyguards brauchen, klingt absurd. In diesem Moment wird die berüchtigte "Schere im Kopf" zur Gefahr: Berichte ich als Journalist über ein wichtiges Thema, oder lasse ich aus Angst die Finger davon? Noch bizarrer wäre allerdings, wenn es Ereignisse in Deutschland gäbe, über die überhaupt nicht mehr berichtet wird. Insofern ist die MDR-Entscheidung zu verstehen.

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