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Trump-Wähler sind keine schweigende Mehrheit

Trump-Wähler sind keine schweigende Mehrheit - Kolumne
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Düsseldorf. Wer vom US-Wahlausgang überrascht wurde, sollte auch mal in fremden und befremdlichen Ecken des Internets vorbeischauen. Von Ulrike Langer

Knapp eine Woche nach der Wahl analysieren die US-Medien noch immer, warum fast alle Umfrageinstitute und Journalisten mit ihren Prognosen zum Wahlausgang so danebenlagen. Viel ist die Rede von der sogenannten schweigenden Mehrheit, die sich nicht getraut habe, den Wahlforschern am Telefon zu sagen, dass sie Trump wählen wollen, weil es ihnen peinlich war. Das halte ich für Unsinn.

Die schweigende Mehrheit ist zu Hause geblieben, denn nur rund 55 Prozent der Wahlberechtigten haben überhaupt gewählt. Das ist selbst in den USA mit seiner notorisch niedrigen Wahlbeteiligung extrem wenig. Ein Teil der Trump-Wähler, der von den Prognosen nicht richtig erfasst wurde, war hingegen überhaupt nicht schweigsam, sondern hat sich sogar ausgesprochen laut und deutlich geäußert. Doch um mitzubekommen, wie Trump-Wähler ticken, muss man mit ihnen reden. Und jenseits der eigenen Facebook-Filterblase und Lieblingsmedien auch mal in andere, teilweise übelriechende Ecken des Internets eintauchen.

Im echten Leben sind mir hier an der liberalen Westküste nur wenige Trump-Wähler begegnet. Mit Leuten, die extreme Ansichten äußern, habe ich weder Lust noch Kraft zu diskutieren. Aber ich lese zumindest, was sie schreiben. Ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten nicht nur die Websites mir nahestehender, liberaler Medien wie "New York Times", "Washington Post" und "The Atlantic" gelesen, sondern auch konservative Seiten wie Fox News und Glenn Beck.

Und ultrarechte Websites wie Breitbart News, Drudge Report, Info Wars und Red State. Bei Twitter und Reddit habe ich Tipps gelesen, Meinungsforscher bewusst anzulügen, damit Demokraten die Wahl Clintons für sicher halten und am Wahltag lieber zur Arbeit als zum Wahllokal gehen. Bei Breitbart bestätigen sich Männer gegenseitig ihr sexistisches und rassistisches Weltbild.

Mich hat es schockiert, dass Trump gewählt wurde. Aber unerwartet kam das Ergebnis für mich nicht nach meinen zahlreichen Ausflügen in Trump-wählende digitale Parallelwelten. Die ultrarechte Website Breitbart News will auch nach Deutschland expandieren und den AfD-Anhängern eine neue Plattform geben. Doch sie sollten dort nicht ungestört unter sich bleiben. Wir sollten uns mit den Meinungen anderer auseinandersetzen.

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