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Fremdenfeindliche Gewalt
Die Spaltung in Hilfe und Hass

Feuer in Flüchtlingsheim in Xanten
Feuer in Flüchtlingsheim in Xanten FOTO: Guido Schulmann
Meinung | Düsseldorf . 46 Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in diesem Jahr - eine erschreckende Zahl. Und eine Alarmnachricht für das gesellschaftliche Klima in einem Land, das von einer Spaltung bedroht ist. Von Gregor Mayntz

Es sind nicht reisende Chaoten, die den guten Ruf Deutschlands in der Welt zu ruinieren versuchen und für sich selbst eine Zukunft hinter Gittern riskieren. Es sind offensichtlich vor allem scheinbar brave Bürger aus der Nachbarschaft, die einen schrecklichen Kontrast zur Welle der Hilfsbereitschaft und den zahllosen engagierten Unterstützern von Flüchtlingen bilden.

Offensichtlich stecken wir mitten in einem gesellschaftlichen Spaltungsprozess. Wir haben einerseits ein Klima selbstverständlicher Mitmenschlichkeit. Das Verständnis, angesichts von 60 Millionen Flüchtlingen vor Krieg und Elend, jetzt und hier helfen zu müssen, war noch nie so groß und ausgeprägt. Viele wissen und die meisten ahnen, dass es eigentlich nicht so sehr verwundern kann, warum jetzt so viele zu uns wollen, sondern eher, warum sie erst jetzt kommen.

Todesangst und Unterdrückung 

Die extreme Ungleichheit der Lebensverhältnisse und Lebenschancen in einem Umkreis von ein paar tausend Kilometern wird schließlich schon seit Jahren immer größer. Hier der Wohlstand mit traumhaften Freiheiten, und ein paar Flugstunden entfernt die Todesangst und Unterdrückung. Die Perspektive der Helfenden: Wenn ich dort einer von denen wäre, würde ich auch hierhin wollen und auf Aufnahme hoffen.

Auf der anderen Seite wächst ein Klima, das mit Irritation beginnt, zwischen Skepsis und Ablehnung schwankt und den Nährboden für Angst und Panik bildet. Hier sind die schrecklichen Vereinfacher auf Fischzug, die Rassisten, Faschisten, Nazis. Auch sie finden Gehör wie selten zuvor. Es entstehen die Räume, in denen Hassreden wirken und in denen aus Biedermännern Brandstifter werden, weil sie sich von der erlebten Stimmung getragen fühlen. 

Anders ist nicht zu erklären, warum über 70 Prozent der registrierten Tatverdächtigen aus den Orten stammen, in denen die Straftaten gegen Flüchtlinge begangen werden. Das würden sie wohl nicht tun, wenn sie nur im Klima der Hilfe leben würden. Sie nehmen stattdessen das Klima des Hasses wahr.

Interesse der Gemeinschaft

Die Wert-Entscheidung zwischen Hilfe und Hass ist jedoch nur theoretisch einfach. Tatsächlich läuft in den Köpfen eine Umwertung ab. Da werden gewählte Politiker zu Verrätern, unpassende Beschreibungen zu Produkten einer "Lügenpresse" und Menschenrechtsverletzungen wie Sachbeschädigungen zu Akten eines "Widerstandes" umdefiniert. Ergebnis: Beide Seiten glauben, letztlich im Interesse der Gemeinschaft zu handeln.

Die Antwort auf das Entstehen von Parallelgesellschaften mit widerstreitenden Wahrnehmungen der Welt kann nur darin bestehen, gleiche Regeln zu beschreiben, zu akzeptieren und durchzusetzen.

Auch die Brandstifter wollen nicht, dass man ihr eigenes Haus abfackelt. Sie dürfen sich jedoch auch nicht in einen Argumentationsdschungel flüchten können, den Scharfmacher mit Wörtern wie "Nothilfe", "gesetzloser Zustand" oder "massenhafter Missbrauch" gedüngt und gezüchtet haben. Und das wiederum bedeutet, dass die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen vor der größten Herausforderung Deutschlands der letzten Jahrzehnte stehen, die sich auf drei Wörter verdichten lässt: geordnete Verhältnisse herstellen.

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