| 10.11 Uhr

Eklat bei Wahlsendung
Die ewige AfD-Masche

Kommentar zu Alice Weidel: Die ewige AfD-Masche
AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel. FOTO: dpa, mkx fdt
Meinung | Düsseldorf. AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel sorgte mit ihrem vorzeitigen Abgang aus der ZDF-Talkrunde für einen Eklat. Doch ihr Auftritt scheint keineswegs spontan gewesen zu sein - vielmehr eine typische Inszenierung. Von Julia Rathcke

Alice Weidel hat alles richtig gemacht. Als die AfD-Spitzenkandidatin gestern Abend die ZDF-Talkrunde "Wie geht's, Deutschland?" verließ, tat sie dies mit einem süffisanten Überlegenheitslächeln. Sie tat es schließlich live zur besten Sendezeit vor vielen Zuschauern, und die sollten sehen: Die traut sich was. Die lässt sich nichts gefallen. Die handelt. Tatsächlich aber hat Alice Weidels Abgang nichts zu tun mit Mut, Stärke oder Größe. 

Die AfD-Politikerin wurde in der Runde ihrer Kollegen von CDU, CSU, SPD, FDP, Grünen und Linke von Moderatorin Marietta Slomka ebenso zu Wort kommen gelassen wie alle anderen. Mehrfach fiel Slomka Weidel ins Wort, das stimmt, allerdings immer dann, wenn Weidel mit Zahlen argumentierte.

Reiz der lebendigen Demokratie

Als sie zum Beispiel behauptete, die Kriminalität sei besonders durch Asylbewerber gestiegen, stellt Slomka beziehungsweise der Experte im Studio fest: Diese Zahlen gibt es so gar nicht. Die Statistik erfasst lediglich die Gesamtzahl tatverdächtiger Zuwanderer (auch solcher, die schon lange in Deutschland leben). Zudem seien bei 80 Prozent der Taten 2016 die Opfer selbst Zuwanderer und in nur vier Prozent aller Fälle Deutsche.

Auch die Politiker fielen sich mitunter gegenseitig ins Wort, schlugen scharfe Töne an - das liegt in der Natur der Debatte, das ist die Reibung, der Reiz der lebendigen Demokratie. Bei Alice Weidel fällt schon vor ihrem Abgang auf: Das passt ihr nicht.

Während die übrigen Spitzenpolitiker Angriffe an sich abprallen lassen, raunzt Weidel zwischendurch "Lassen Sie mich ausreden, sonst kann ich mir das Ganze hier sparen", und als SPD-Minister Heiko Maas sie als Flüchtling aus der Schweiz verhöhnt, murmelt sie mehrfach genervt "völliger Blödsinn ist das hier".

Als Weidel eine Frage beantworten soll, stattdessen erstmal pathetisch beklagt, "hier zuzuhören ist eine Zumutung", reicht es Maas: "Jemand, der sich hier hinstellt und so austeilt, um dann die Mimose zu geben, ist wirklich lächerlich", sagt er. "Wer solche Debatten nicht aushält, hat im Bundestag nichts verloren", kommentieren auch Zuschauer vielfach im Internet. Aber Alice Weidel ist keineswegs schwach und erst recht keine Mimose. Sie ist klug und voller Kalkül.

"Propagandafernsehen" und "Politikidioten"

Es scheint, als sei der Abgang genau geplant gewesen. Ihr Statement, das nur Minuten später auf allen Kanälen herausgeschossen wurde, kam so kurzfristig und allgemeingültig formuliert, dass eine Inszenierung naheliegt. Und die funktioniert. "Unsere Spitzenkandidatin!", verkünden die Anhänger im Internet stolz, nicht ohne eine Abrechnung an "das Propagandafernsehen", und die "Politikidioten". Provokante Parolen und effekthaschende Eklats - damit bedient die AfD immer wieder die Jetzt-erst-recht-Mentalität ihrer Anhänger.

Wer auf die ewige Masche der AfD reinfällt, ist selbst schuld. Die Medien, besonders die öffentlich-rechtlichen Sender als unzumutbar anzuprangern, die Gebühren abschaffen zu wollen und am liebsten die Sendeanstalten in Gänze, sie aber zugleich immer wieder für den großen Auftritt zu benutzen, ist schon schizophren genug. Man muss ja nicht jede TV-Einladung annehmen. Wäre jedenfalls nur konsequent.

 
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