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Fehlprognosen vor US-Wahl
Das Volk gegen die Demoskopen

Kommentar zu Fehlprognosen vor US-Wahl: Das Volk gegen die Demoskopen
US-Bürger entschieden sich bei der Präsidentschaftswahl anders als Prognosen vorausgesagt hatten. FOTO: dpa, cjg ts cul
Meinung | Düsseldorf. Nach den Fehlprognosen zum Brexit haben die Demoskopen mit ihrer Schieflage zur Trump-Wahl ihr Image endgültig vor die Wand gefahren. Das lehrt die Politik auch in Deutschland zu besonderer Vorsicht. Von Gregor Mayntz

Auf den ersten Blick erscheint es schizophren: Da werfen Trump-Wähler Medien und Demoskopen vor, das Volk belogen zu haben, weil die falsche Prognosen geliefert hätten. Dabei beruhten die Lügen der Demoskopen auf den Lügen der Befragten, die sich nun über die Lügen der Demoskopen beschweren. Das klingt nach "Haltet den Dieb", gerufen vom Dieb. Tatsächlich machten viele US-Bürger falsche Angaben über ihre Absicht, Trump zu wählen, weil sie sich angesichts einer allgemeinen Erwartungshaltung nicht rechtfertigen wollten. "Soziale Erwünschtheit", nennt die Wissenschaft dieses Phänomen. So ähnlich erlebten es die Briten auch beim Brexit.

Aber als Erklärung für das doppelte Demoskopie-Desaster dieses Jahres reicht das nicht aus. Hinzu kommt einerseits eine falsche Gewichtung. Wenn in einer Wahlvorhersage der Anteil der weißen Männer ohne College-Abschluss nach dem langjährigen Mittel ihrer Wahlbeteiligung gewichtet wird, dann müssen diese Berechnungen zum falschen Ergebnis führen, wenn sich gerade dieses Bevölkerungssegment ausnahmsweise deutlich mehr an den Wahlen beteiligt und zum ganz überwiegenden Teil Trump wählt. Und wenn dann zugleich Schwarze und Latinos, die zuvor Obama wählten, von Clinton nicht mehr im gleichen Umfang motiviert werden konnten, wählen zu gehen.

Nur anonyme Umfragen übers Internet sahen Trump vorne

Andererseits verlieren die Demoskopen immer mehr den Kontakt zu ihrem repräsentativen Schnitt. Immer weniger vor allem der jüngeren Menschen sind noch über Festnetzanschlüsse zu erreichen. Wahllose Umfrageversuche über Handys (und womöglich noch anonyme Prepaid-Geräte) sind Zufallsbefunde ohne verlässliche Gewähr, dass die Befragungsgrundlage auch den Wählersegmenten entspricht. Die Untersuchungen für die Los Angeles Times waren die einzigen, die permanent Donald Trump vorne sahen. Es waren diejenigen, die anonym übers Internet liefen. Damit griffen sie auf jenen Bereich zurück, in dem sich auch Trump-Wähler keinem sozialen Druck ausgesetzt sahen.

Die Umfrage-Techniken und –Methoden waren über die Jahrzehnte immer präziser geworden. Doch drei Phänomene sorgen nun dafür, dass die Demoskopen wiederholt vor einem Scherbenhaufen ihrer ausgeklügelten Untersuchungsergebnisse stehen. Neben den beschriebenen vorsätzlich falschen Angaben gehört dazu der Trend, sich immer kurzfristiger für die eigentliche Abstimmungsabsicht zu entscheiden. Waren früher die letzten Wochen wichtig, sind es nun die letzten Tage mit dem Trend, dass es künftig die letzten Stunden sein könnten. Wahlvorhersagen werden damit zum Witz.

Der "Musikwagen-Effekt" versagt bei Protestwählern

Hinzu tritt eine neue Einstellung gegenüber dem uralten "band waggon effect". Die klassische Meinungsforschung beschreibt damit die Neigung der Menschen, bei den vermuteten Siegern sein zu wollen. Wo die Musik spielt, also im Waggon mit der Band, da zieht es die Leute erfahrungsgemäß hin. Sagen die Demoskopen den Sieg der Partei A und die Niederlage der Partei B voraus, wächst nach diesem Effekt die Wahrscheinlichkeit, dass Unentschlossene letztlich bei A ihr Kreuz machen.

In Zeiten, in denen Wahlen für viele nicht mehr Ausdruck von Mitgestaltungswillen sind, sondern zur Protestbekundung genutzt werden, versagt der Musikwagen-Effekt: Dann werden diejenigen, die den Wahlschein zum Denkzettel machen wollen, eher noch ermuntert, es dem vermeintlichen Establishment mal richtig zu zeigen. Die Vernünftigen sollen ruhig weiter regieren, nur anders, nämlich auf den Protest inhaltlich reagierend.

Das Entgleisen der Demoskopie

Wenn der Protest aber wichtiger wird als der Mitgestaltungsanspruch, dann drohen die Stimmen – um im Bild zu bleiben -  nicht mehr in einem der weiter vorne oder weiter hinten gelegenen Waggons einzutreffen sondern zum Entgleisen des Zuges zu führen. Und damit auch zum Entgleisen der Demoskopie. Die wird also ihren Analyse-Ansatz sehr viel breiter anlegen müssen, um Kopf- und Bauchneigungen der Bevölkerung lang- wie kurzfristig überhaupt noch erfassen zu können. Nicht nur vorherige Wahlbeteiligungen einzelner Bevölkerungsgruppen gehören dazu, sondern auch eine feinschichtige Analyse, bei welcher Stimmungslage welche Teile der Wahlberechtigten besonders motiviert sein könnten. Deswegen tut die Politik gut daran, übermittelte Augenblickswerte mit noch spitzeren Fingern anzufassen.

Populismus-Wellen hat es in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder gegeben. Aber die vermuteten Ausmaße können die Demoskopen nach wie vor nicht vorhersehen. Zudem hat die Flüchtlingsdynamik die Anzeigetafeln lahmgelegt. Befürworter von Merkels Politik finden sich besonders oft unter Grünen-Anhänger, besonders selten bei CSU-Fans. Was das nun für das konkrete Wahlverhalten bedeutet, weiß zuverlässig niemand mehr zu gewichten: Wählen Grüne die Grünen wegen Merkel? Wählen CSU-Leute die CSU trotz Merkel? Wer bleibt deshalb zu Hause, wer wechselt deshalb das Lager? Demoskopie wird immer mehr zum Blick in die Glaskugel. Die aber hat seit Brexit und Trump dicke Kratzer.

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