| 16.31 Uhr

Neuer Parteichef
Menschen-Fischer Schulz

Kommentar zum neuen SPD-Parteichef: Der Menschen-Fischer Schulz
Martin Schulz löst Sigmar Gebriel nach knapp acht Jahren an der Spitze der SPD ab. FOTO: dpa, mkx
Meinung | Berlin. Derart geeint ist die SPD seit Jahrzehnten nicht mehr in einen Bundestagswahlkampf gezogen – hundert Prozent Selbstbewusstsein. Martin Schulz gelang es, mit seiner rhetorisch brillanten und inhaltlich vagen Rede die Seele der Partei zu berühren. Von Eva Quadbeck

Das funktioniert bei den Sozialdemokraten immer dann, wenn sie sich links der Mitte wähnen. Dafür warf Menschen-Fischer Schulz ein Netz klangvoller Schlagwörter aus: Gerechtigkeit, Respekt und Würde.  Auch die Anwesenheit der Gewerkschaftsbosse, die bei der SPD wieder in der ersten Reihe sitzen, signalisierte, dass sich die Sozialdemokraten im kommenden Wahlkampf auf ihre Wurzeln besinnen wollen.

Geschickt listete der neue Mister-100-Prozent der SPD so viele gesellschaftliche Gruppen auf,  dass jeder hoffen darf, aus der SPD-Wundertüte etwas abzubekommen. Bislang funktioniert Schulz‘ Strategie,  auf Emotionen und die großen politischen Linien zu setzen, statt in Spielgelstrichen konkrete politische Vorschläge zu unterbreiten. In diese Niederungen wird sich der gefeierte neue Parteichef noch begeben müssen -  für die politischen Gegner aktuell die einzige Schwachstelle, an der sie angreifen können. 

Nachdem die SPD Jahre im Keller der Umfragewerte saß, sorgt die neue Stärke der alten Volkspartei für eine Belebung der Demokratie. Union und SPD sind wieder unterscheidbar. Staatsausgaben oder Steuersenkungen? Die Rechtspopulisten werden nicht mehr gebraucht. Die Menschen mit einfachen Sprüchen da abholen, wo sie stehen, das kann Schulz auch ganz gut.

Das neue Schwergewicht

Für die Union ist dieser SPD-Kanzlerkandidat ein beinharter Gegner. Mit Martin Schulz hat die SPD seit 1998 erstmals wieder einen Kanzlerkandidaten, der tatsächlich den unbedingten Machtwillen ausstrahlt, das Kanzleramt zu erobern. Dagegen waren Steinbrück und Steinmeier Leichtgewichte. Schulz hat zudem den entscheidenden Vorteil, dass ihm seine vielen Widersprüche, Ungereimtheiten und das Unausgegorene in seinen Reden bislang nicht auf die Füße fallen.

Wenn die  Union stärkste Partei bleiben möchte, muss sie früher und stärker in die Offensive kommen, als die Parteiführung das bislang plant. Je länger das Adenauerhaus die neue Erzählung der SPD von Schulz als nächstem Kanzler laufen lässt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Prophezeiung auch erfüllt. Es wäre an der Zeit, dem Schulz Hype ein "Merkel bleibt" entgegenzusetzen – und das mit ein paar guten Gründen zu unterfüttern.

Dass politische Stimmungen keiner höheren Gerechtigkeit folgen, musste gestern auch der frühere SPD-Parteichef Sigmar Gabriel erfahren. Für ihn war der Parteitag trotz aller zur Schau gestellten Fröhlichkeit bitter. Mit nur 74 Prozent Zustimmung hatten ihn die Sozialdemokraten bei seiner letzten Wahl zum Parteichef abgestraft, obwohl er die Sozialdemokraten seit 2009 systematisch wiederaufbaute. Die Ernte für Gabriels Arbeit fährt nun Martin Schulz ein.

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