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Wirbel um Oettinger-Aussage
Beruhigt euch wieder!

Kommentar zum Wirbel um Oettinger-Aussage: Beruhigt euch wieder!
Günther Oettinger sorgt einmal mehr mit verbalen Ausrutschern für Empörung. FOTO: dpa
Meinung | Düsseldorf. Günther Oettinger schwadroniert über Schlitzaugen und homosexuelle Zwangsehen. Nicht zum ersten Mal eckt der EU-Kommissar, der das Substantiv offenbar zu sehr liebt, mit Äußerungen an. Die Empörung der linken Sittenwächter ist dennoch übertrieben. Von Michael Bröcker

Wenn Günther Oettinger in Fahrt kommt, ist niemand vor dem EU-Kommissar mit dem Gespür für politische Unkorrektheit sicher. In einer Rede in Hamburg, die nun durch das Internet geistert, watscht der Stuttgarter CDU-Politiker CSU-Chef Horst Seehofer als "Populist light" ab, spöttelt über den von seiner Ehefrau verlassenen Altkanzler Gerhard Schröder, nennt Chinesen "Schlitzohren und Schlitzaugen" und warnt vor einer angeblich bevorstehenden homosexuellen Zwangs-Ehe in Deutschland.

Ganz schön viel Stuss für eine 20-minütige Rede, möchte man meinen. Nun könnte man schmunzeln und sagen: Typisch Oettinger. Der 63-jährige, frühere baden-württembergische Ministerpräsident ist eigentlich ein kluger Konservativer, aber in seinen Reden, in denen das Substantiv dominiert, fehlt ihm oft Maß und Mitte. "Keine Frauenquote. Keine Frauen. Folgerichtig", sagte er über eine chinesische Delegation, die die EU-Kommission in Brüssel besucht hatte. Und weiter: "Alle Anzug. Einreiher. Dunkelblau. Haare von links nach rechts mit schwarzer Schuhcreme gekämmt." Oettinger scheut die Verben so wie das Hochdeutsch. Vielleicht ist diese Lust auf Hauptwörter auch der Grund, warum sich Oettinger immer wieder rhetorisch in die Brenneseln setzt und die Moralbotschafter und Tugendwächter der Republik auf die Barrikaden bringt.

Oettinger ist ein Wiederholungstäter

Chinesen als Schlitzaugen zu bezeichnen, ist eine Beleidigung. Und damit intolerabel, auch wenn der Begriff auf den Schulhöfen und Bolzplätzen, an den Mittags- und Stammtischen dieser Republik wahrscheinlich sogar schon mal aus dem Mund derer gepurzelt ist, die  nun den Aufschrei gegen den EU-Kommissar anführen. Aber Günther Oettinger ist ja auch ein Wiederholungstäter. 2006 wurde er zum "Sprachpanscher des Jahres" gewählt, weil er, der selbst nur radebrechend Englisch spricht, die Fremdsprache den Deutschen als Arbeitssprache empfahl.

Im Jahr 2008 machte er bei einer CDU-Veranstaltung das "Scheiß-Privatfernsehen" für die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen verantwortlich und unlängst sagte er über die AfD-Vorsitzende Frauke Petry: "Wenn die komische Petry meine Frau wäre, würde ich mich heute Nacht noch erschießen."

Berüchtigt ist seine Trauerrede auf den 2007 verstorbenen CDU-Politiker und früheren Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Der war NSDAP-Mitglied und wirkte an Todesurteilen mit. Bei Oettinger war er ein "NS-Gegner". Ein krasser Fehler. Später korrigierte sich Oettinger für diese Äußerungen.

Oettinger - das Feindbild für die politische Linke

In der politischen Linken steht Oettinger seither als Feindbild ganz oben an. Der Grünen-Politiker Volker Beck, der über seinen aufgeflogenen Drogenkonsum nicht mehr reden will, beschimpfte Oettinger sofort als homophoben "Wahnwichtel". Dabei ist dessen  Äußerung zur Zwangs-Homo-Ehe so irrsinnig, dass ein Kommentar eigentlich überflüssig wäre und das Gesagte nur unnötig aufwertet.

Es ist bekannt, dass Männer in diesem Land weiterhin Frauen heiraten dürfen. Doch ein Volker Beck kann so einen offensichtlichen Stuss eben nicht unkommentiert lassen. Auch SPD-Familienministerin Manuela Schwesig, die neulich erst die verurteilte Lügnerin Gina Lohfink zur Feminismus-Ikone erklären wollte, empörte sich standesgemäß und schimpfte bei Twitter Oettingers Äußerungen als "ungeheuerlich". Ist ja richtig. Nur fragt man sich, warum eigentlich immer diejenigen als Erste und am Lautesten politische Verfehlungen maßregeln, deren eigene Vita rhetorische Peinlichkeiten und moralisch fragwürdiges Verhalten aufweisen? Fehlte eigentlich nur noch ein mahnendes Wort von Deutschlands Chefjustiziar für ordentliches Benehmen, Heiko Maas.

Oettingers Rede beinhaltet auch Sinnvolles

Wer sich die Mühe macht und die Oettinger-Rede vollständig hört, entdeckt durchaus bedenkenswerte Argumente. Die EU habe bald mehr Gremien als Zuhörer, mokiert sich Oettinger etwa und spielt dabei auf die Trägheit der politischen Prozesse an, während andere Regionen der Welt dynamisch wachsen. Und die scharfe, nicht zum ersten Mal geäußerte Kritik des EU-Kommissars an der Sozial- und Wirtschaftspolitik der Bundesregierung, die sich mit immer neuen Rentenprogrammen statt mit Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit befasst, ist so richtig wie angebracht.

Dass Günther Oettinger dann plötzlich von einer "Pflicht-Homoehe" faselt, die Deutschland angeblich bevorstehe, ist natürlich absurder Unsinn. Wie schon gesagt: Männer dürfen in diesem Land bekanntlich weiterhin Frauen heiraten. Wenn der CDU-Politiker aber über die Priorisierung von politischen Themen in der Öffentlichkeit nachdenken wollte, dann hat er einen Punkt. Die Leidenschaft, mit der relevante gesellschaftliche Gruppen und Parteien für die vollständige Gleichstellung der homosexuellen Partnerschaft mit der Ehe streiten, wünschte man sich auch in anderen Politikfeldern.

Man bräuchte etwa einen Aufschrei, weil Hunderttausende Lehrer zu schlecht ausgebildet werden und Hunderttausende Sozialarbeiter an den Schulen fehlen. Man bräuchte eine Kampagne gegen die katastrophale Bezahlung von Pflegern, Erziehern und Krankenschwestern. Oder einen Aufschrei gegen eine generationenfeindliche Wirtschaftspolitik, die heute großzügig Milliarden verteilt, aber kein Wort dazu sagt, wer morgen den Wohlstand in einem schärfer werdenden weltweiten Wettbewerb erwirtschaften soll.

Günther Oettinger schätzt Klartext. Das ist auch gut so, denn die Tribüne mit Politikern, die stets nur politisch korrekt abwägen, ist gut gefüllt. Wenn der Mann, der nun für den EU-Haushalt in Europa zuständig sein wird, künftig den klaren Worten auch etwas Cleverness zur Seite stellen und auf plumpe Beleidigungen und öffentlichen Unsinn verzichten würde, könnte er mithelfen, diese wichtigen Debatten zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands anzustoßen. Oder in der Oettinger-Sprache: Nachdenken! Reden! Reihenfolge!

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