Krawalle in Europa: Kommt die Gewalt jetzt auch zu uns?
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 11.12.2008 - 11:34Athen (RPO). Die Krawalle in Griechenland haben sich in der Nacht auf mehrere europäische Städte ausgeweitet. Unter anderem kam es in Madrid, Istanbul, Kopenhagen und Rom zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Vieles spricht für eine koordinierte Aktion der extremen Linken. Kommt es bald auch in Deutschland zu Protesten?
In der Nacht auf Donnerstag kam es in Griechenland zum sechsten Mal in Folge zu gewalttätigen Protesten. Im Vergleich zu den bürgerkriegsähnlichen Zustände zu Beginn der Woche hat sich die Lage jedoch eher beruhigt.
Dafür knallt es in anderen europäischen Städten. Sympathisanten der Randalierer in Athen gingen auf die Straße und attackierten die Polizei. Die Liste der Metropolen ist lang: Geknallt hat es in Kopenhagen (Dänemark), Madrid und Barcelojna (Spanien), Istanbul (Türkei), Rom und Bologna (Italien), Bordeaux (Frankreich). Europaweit flogen Farbbeutel, Flaschen, Steine.
Bald auch in Hamburg, Berlin und München? Die linksextremistische autonome Szene, der die Demonstranten der vergangenen Nacht zuzurechnen sind, gilt als hervorragend vernetzt. Die perfekt geplanten Proteste beim G8-Gipfel in Heiligendamm, bei dem Demonstrierende aus ganz Europa nach Deutschland gekommen waren, sind dafür bester Beleg. Absprachen erfolgen über Netzwerke im Internet. Auch die deutschen Gruppierungen zählen zu dieser Szene.
Extremismus-Forscher Eckhard Jesse zögert mit einer Prognose für Deutschland. Momentan deute nichts darauf hin, dass in Kürze auch deutsche Städte Schauplatz von Krawallen werden, sagte der Politikwissenschaftler unserer Redaktion. Doch sieht die jetzige Situation durch eine extrem große Eigendynamik gekennzeichnet. Auszuschließen sei eine Ausweitung der Proteste deswegen keineswegs. Das Bundeskriminalamt will sich zu dem Thema am Donnertag Morgen lieber nicht äußern und verweist auf das Bundesinnenministerium.
Die Bilanz der Nacht ist noch nicht vollständig. Bisher liest sie sich wiefolgt:
Kopenhagen: Gewaltsame Ausschreitungen in Kopenhagen, 32 Demonstranten festgenommen, der Abschlussbericht der Polizei steht noch aus. Den Ordnungskräften zufolge hatten sich rund 150 Vertreter der Kopenhagener Untergrund-Szene zusammengetan und Flaschen sowie Farbbeutel geworfen.
Madrid und Barcelona: Unruhen auch in den spanischen Metropolen: In Madrid gingen rund 200 vorwiegend junge Menschen auf die Straßen. Sie griffen eine Polizeistelle in der Innenstadt an. Mehrere Polizisten wurden verletzt, fünf Demonstranten festgenommen. In Barcelona protestierten 400 zumeist Jugendliche auf die Straßen und protestierten gegen den Tod des 15-Jährigen Griechen, der die Proteste in Griechenland ausgelöst hatte. Sie setzten Mülleimer in Brand, beschädigten Bankautomaten.
Rom und Italien: Auch in Italien wurden in Rom und Bologna Polizisten bei Zusammenstößen mit Demonstranten verletzt. Vor der Botschaft in der italienischen Hauptstadt warfen Aktivisten Autos um. Soldaten sollen Medienberichten zufolge mit Steinen beworfen worden sein.
Istanbul und Bordeaux: Vereinzelt kam es auch in weiteren Städten zu Protesten. In Istanbul sprühten Unbekannte ein Anarchistenzeichen an die Hauswand der Vertretung. In Bordeaux steckten Unbekannte vor dem griechischen Konsulat zwei Autos in Brand. Die Tür der Vertretung wurde beschädigt.
Athen: Während viele Metropolen in Europa in der Nacht aufgeschreckt wurden, beruhigt sich die Lage in Athen zusehends. Maskierte Jugendliche bewarfen die Polizei mit Steinen und Molotow-Cocktails. Die Gewalt flaute am Morgen jedoch ab. Die Geschäftsleute haben mit den Aufräumarbeiten begonnen. Die Straßenreiniger mussten sich mit Gesichtsmasken und Schals vor möglichen Tränengasresten schützen.
Druck auf die Regierung Der Druck auf die Regierung von Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis wird unterdessen immer größer. Der Tod des Jugendlichen Demonstranten hat Griechenland schockiert, der Regierung wird zudem schlechtes Krisenmanagement vorgeworfen. Anwohner und Ladeneigentümer beschweren sich, dass die Polizei nur sich selbst geschützt habe. Meinungsumfragen stellen der Regierung ein verheerendes Zeugnis aus, die Opposition fordert den Rücktritt. Karamanlis wollte am Donnerstag am EU-Gipfel in Brüssel teilnehmen.
Mit Material von AP
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