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Nach Schmidt-Aussage
Lafontaine – ein Radikaler?

Oskar Lafontaine - Etappen seiner Karriere
Oskar Lafontaine - Etappen seiner Karriere FOTO: dpa, Oliver Dietze
Düsseldorf (RP). Oskar Lafontaine feiert heute seinen 65. Geburtstag. Seine Aussagen polarisieren. Helmut Schmidt vergleicht ihn mit Demagogen wie dem französischen Rechtspopulisten Le Pen. Jetzt forderte er die Enteignung der Unternehmer-Familie Schaeffler. Ist Lafontaine ein Radikaler? Eine Analyse von zwei Historikern und einem Politikwissenschaftler. Von Reinhold Michels

Der von Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt angestellte Vegleich zwischen den demagogischen Fähigkeiten Hitlers, des französischen Rechtspopulisten Le Pen und des Chefs der Linkspartei, Oskar Lafontaine, sorgte für bundesweites Aufsehen. Und er verlangt danach, sich zu vergewissern, was Demagogen kennzeichnet:

Zur Demagogie gehört der Wille und die besondere Begabung, Menschen aufzuwiegeln, um die politischen Ziele des Aufwieglers und Verführers zu befördern. Der Demagoge appelliert an Emotionen und Vorurteile. Er bedient sich der Lüge, unbewiesener Behauptungen, und er macht herabsetzende Bemerkungen über politische Gegner.

Der Berliner Historiker und Publizist Rafael Seligmann fügte gestern im Gespräch mit unserer Zeitung weitere Charakteriska an: Demagogen wie die Rechts- und Linkspopulisten Le Pen und Oskar Lafontaine verbreiteten ein simplifizierendes Weltbild, in dem Sündenböcke nie fehlen dürften. Seligmann: "Bei Le Pen, der bei Wahlen in Frankreich Erfolg hat, müssen Linke und Ausländer als Sündenböcke herhalten, bei Lafontaine sind es die Unternehmer und Neoliberalen. Bezeichnend für politische Aufwiegler wie Le Pen und Lafontaine sei außerdem, dass sie selbst nicht unbedingt ein einfach gestricktes Weltbild haben müssten: "Entscheidend ist, dass sie es entwerfen und damit hausieren gehen."

Der Münchener Historiker Michael Wolffsohn sagte es so: "Le Pen ist Le Pen, Haider (der österreichische Rechtspopulist, d. Red.) ist Haider, Lafontaine ist Lafontaine. Alle drei sind egozentrische Demagogen, die objektiv vorhandene Probleme aufgreifen, um ihr eigenes Süppchen zu kochen." "Die Wähler", fuhr Wolffsohn fort, "sind für diese Demagogen nur nützliche Idioten." Sie würden von Leuten wie Lafontaine missbraucht. Seligmann und Wolffsohn hielten jedoch nichts von dem Vergleich Hitler-Lafontaine.

Wolffsohn meinte: "Viel treffender als jeder Personenvergleich ist das kluge deutsche Märchen 'Der Rattenfänger von Hameln'." Über die negative Einzigartigkeit des Mega-Verbrechers Hitler sei viel, nicht zu viel, gesagt. Aber zu viele Vergleiche mit Hitler wirkten inflationär. Wolffsohn: "Das sollte gerade ein Groß-Ökonom wie Helmut Schmidt wissen."

Seligmann und der Chemnitzer Politikwissenschaftler Eckhard Jesse verwiesen darauf, man denke bei Hitler notwendigerweise nicht den demagogischen Redner allein, sondern immer auch den Massenmörder und Kriegsverbrecher. Jesse: "Mit dem Hitler-Lafontaine-Vergleich hat sich Schmidt keinen Gefallen getan."

Schmidts Hinweis auf Ähnlichkeiten der Rechts- beziehungsweise Links-Demagogen Le Pen und Lafontaine empfindet der Politikwissenschaftler als naheliegend. So wie der Rechtspopulist aus Frankreich auch eher politisch links gerichtete Arbeiter für sich und seine Partei einzunehmen verstehe, so gelinge es dem linkspopulistischen Saarländer Lafontaine, für seine Partei Wählerstimmen aus den politisch linken und rechtslastigen Milieus zu sammeln. Es sei gut, dass das einmal jemand wie der hoch angesehene Kanzler a.D. angesprochen habe.

Wolffsohn erinnerte noch einmal an die politische Vergangenheit des Vorsitzenden der SED/PDS/WASG-Nachfolgepartei: "In der Saar-SPD kämpfte Lafontaine mal um die Linken, dann um die Rechten, auch mal um die Grünen; heute hü und morgen hott." 1989/1990 sei Lafontaine als SPD-Vorsitzender gegen die Wiedervereinigung gewesen, nun sei er der Liebling in der Ex-DDR.

Unter Anspielung auf Lafontaines Flucht aus allen politischen Spitzenämtern im März 1999 fügte der Münchner Historiker hinzu: "Wenn es kritisch wird, wirft er das Handtuch, wie ein Kleinkind im Sandkasten." Wer könne denn diesen Mann ernst nehmen: "Große Klappe, nichts dahinter, wer Lafontaine nachläuft, landet im Nichts." Wolffsohn verglich seinerseits Lafontaine mit bestimmten Managern: "Die Armen müssen aufsteigen können und die Reichen absteigen, wenn sie versagen. Und Großversager laufen in der internationalen Wirtschaft zuhauf herum. Übrigens auch in der Politik. Ein sogar weglaufender Versager heißt Oskar Lafontaine."

(RPMANTEL)
 
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