| 12.04 Uhr

Landtagswahl in Schleswig-Holstein
Kopf an Kopf in Kiel

Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Kopf an Kopf in Kiel
Daniel Günther fordert Torsten Albig (rechts) heraus. FOTO: dpa, ahe fgj tba
Kiel. Schleswig-Holstein wählt am Sonntag einen neuen Landtag, und die regierende "Küstenkoalition" wackelt. Kommt jetzt Jamaika? Von Gregor Mayntz

Die Beteiligung der Wähler ist in den ersten Stunden nach Öffnung der Wahllokale deutlich höher als im Jahr 2012. Wie der Landeswahlleiter am Mittag mitteilte, gaben bis 11 Uhr rund 21,6 Prozent der etwa 2,3 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Vor fünf Jahren waren es zu diesem Zeitpunkt 17,7 Prozent.

Die politischen Untiefen an der Kieler Förde sind für Überraschungen selbst noch an Wahltagen gut: von Last-minute-Schmutzkampagnen, die mit den Namen Barschel und Engholm verbunden sind, bis hin zu "Heidemördern" im SPD-Dickicht, denen die damalige Regierungschefin Heide Simonis ihren vorzeitigen Ruhestand verdankte.

In dieser Gemengelage ist möglich, dass bei der Landtagswahl ein gewisser Daniel Günther den Sprung ins Ministerpräsidentenamt schafft. Oder dass Amtsinhaber Torsten Albig König der Küstenkoalition aus SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband bleibt. Denn noch ist jeder dritte Wahlberechtigte unentschlossen. In letzten Umfragen lag die CDU knapp vor der SPD; Grüne und FDP erreichten zweistellige Werte, AfD und Linke lagen knapp über beziehungsweise unter fünf Prozent.

Kampf zwischen Opa und Enkel?

Die Plakate suggerieren einen Kampf zwischen Opa und Enkel. Hier der erfahrene Sozialdemokrat mit Glatze, der drei Bundesfinanzministern als Sprecher diente, dann Überraschungssieger bei der Kieler Oberbürgermeisterwahl wurde und bald im Land mit der SPD eine hauchdünne Koalitionsmehrheit anführte. Dort der dynamische CDU-Nachwuchspolitiker mit dem Image von Schwiegermutters Liebling, der zielstrebig ein Amt nach dem anderen von strauchelnden oder frustrierten Christdemokraten einsammelte, Fraktionschef, Landesparteichef, Spitzenkandidat wurde.

Das Aussehen trügt, denn zwischen beiden liegen nur zehn Jahre. Albig wirkt älter, ist aber erst 53, Günther wirkt jünger, ist aber schon 43. Das jungenhafte Image nutzt der Christdemokrat, um die Erwartungen zu dämpfen: So jung sei er, da könne er ruhig auf einen Wahlsieg noch 2022 setzen. Doch die Ämter sind ihm nicht von alleine in den Schoß gefallen. Dass er in fünf Jahren schon der vierte CDU-Chef ist, hat wohl auch mit seinem Mitwirken zu tun und sichert ihm Unterstützung politisch verletzter CDU-Politiker, solange er Erfolg hat.

Jamaika ist möglich

Dafür hat er sich thematisch breit, mancher sagt: beliebig, aufgestellt. Knallharte Innenpolitik für die ländliche Stammwählerschaft plus kraftvolle Infrastrukturversprechen für die Liberalen unter Wolfgang Kubicki plus Lockerungsübungen bei den Schwulenrechten und den Kita-Ausbauten für die Wechselbereitschaft der Grünen. Das macht unterm Strich die mögliche Ablösung der Küstenkoalition durch eine schwarz-gelb-grüne Jamaika-Mehrheit - auch wenn von ausgesprochener Wechselstimmung an der Förde nichts zu spüren ist.

In den Wahlkampfwochen und Fernsehdebatten vermochte Günther besser zu punkten als Albig. Der liegt zwar in der persönlichen Beliebtheitsbewertung noch sieben Punkte vor Günther. Aber bei der Parteipräferenz rangiert die CDU einen bis vier Prozentpunkte vor der SPD. Albig markiert Politik "für die linke Seite der Gesellschaft", steht etwa für einen totalen Afghanistan-Abschiebestopp, eine unter SPD-Regierungschefs einsame Entscheidung.

Die Grünen an der Küste sind selbstbewusst

Noch kämpfen SPD und Grüne für eine Wiederauflage der Koalition. Grünen-Anhänger sehen hinter Umweltminister Robert Habeck und der Spitzenkandidatin und Finanzministerin Monika Heinold eine blitzsaubere Bilanz. Habeck ist auch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Und wenn nun Albig erkennbar nicht mehr von einem Schulz-Effekt in die Wiederwahl getragen wird, sagen die Grünen, dass sie das dann halt mit einem Habeck-Effekt richten wollen. Im Vergleich mit ihren NRW-Kollegen markieren die Küsten-Grünen den Unterschied zwischen Selbstbewusstsein und Panik.

Einen "Plan B" will Albig erst im Falle der verpassten Mehrheit rausholen. Eigentlich ist es ein Plan "WK". Schon seit Monaten spricht Albig betont freundlich mit Noch-Oppositionsführer Wolfgang Kubicki, der mit Slogans wie "Wollen reicht nicht, man muss es auch können" die Lufthoheit über den Stammtischen beansprucht. Das markige Kubicki-Auftreten und das knappe Rennen zwischen Albig und Günther halten AfD und Linke klein.

Kopfzerbrechen bereitet den Strategen noch, wie sich die Persönlichkeitswerte auf den letzten Metern entwickeln. Unverschwurbelt räumte Albig das Ende seiner Ehe ein und sprach über Hochzeitspläne mit seiner Lebensgefährtin. Günther steht für privates Glück mit Ehefrau Anke und der 18 Monate alten Tochter.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Kopf an Kopf in Kiel


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.