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Viele fordern den Rücktritt Christa Müllers: Linke gegen Lafontaines Frau

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 25.05.2008 - 22:17

Cottbus (RP). Erst gab es bei Oskar Lafontaines Wiederwahl beim Parteitag in Cottbus ein deutliches schlechteres Ergebnis. Dann erteilte die Linke gestern den familienpolitischen Vorstellungen seiner Ehefrau Christa Müller eine klare Absage: Mit nur knapp einem Dutzend Gegenstimmen beschlossen die Delegierten einen Antrag, in dem sich die Partei für eine kostenlose Kinderbetreuung in Krippen und Kindergärten ausspricht und ein Erziehungsgehalt - wie von Müller gefordert - ablehnt.

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Die familienpolitische Sprecherin der Saar-Linken hatte zuvor das Erziehungsgehalt verteidigt und dafür Buh-Rufe und Pfiffe geerntet. „Eine Niederlage kann ich locker einstecken”, sagte Müller und kündigte an, weiter für ein Alternativkonzept kämpfen zu wollen. „Die Delegierten wussten nicht, worüber sie abgestimmt haben”, setzte sie hinzu ­ im ungebremsten Selbstbewusstsein ihrem Mann ähnlich. Doch wenig später entschuldigte sich die Saarländerin für diese Aussage. Sie sei wohl doch etwas zu weit gegangen.

Am Tag zuvor hatte Oskar Lafontaine seinen großen Auftritt genießen können: Erst Minuten nach der offiziellen Parteitagseröffnung marschierte der Vorsitzende ein. 600 Delegierte fixierten den Mann, den sie zugleich bewundern und beäugen. Der Vorsitzende schritt in Richtung Podium, grüßte staatsmännisch die Basis, warf den Ehrengästen aus Bolivien einen gönnerhaften Blick zu und nahm dort Platz, wo er sich ­ seinem Selbstverständnis folgend ­ meistens sieht: Mittig vorne. In der ersten Reihe.

Beim ersten Parteitag der Linken seit der Fusion aus WASG und PDS wird schnell klar: Lafontaine ist der unangefochtene Kapitän. Dass er aus den kleinen Tretbooten PDS und WASG einen schlagkräftigen Dampfer gemacht hat, erzeugt Respekt auch bei den Mitgliedern, die seine selbstherrliche Art verabscheuen.

Am Mikrofon ist Lafontaine in Feierlaune. „Wir haben den Wind der Geschichte in unseren Segeln”, ruft er mit Blick auf die Wahlerfolge und zehntausend neue Mitglieder. Lafontaine will den Erfolg zelebrieren. Und muss doch erst besänftigen. Berichte über Unmut in der Partei wegen seines autoritären, ja „stalinistischen” Auftreten, wehrt er ab: „Wir sind nicht eine Führungsfigur, wir sind ein Team.” Für den inneren Seelenfrieden der Partei muss das reichen.

Lieber packt der Weltökonom aus Saarlouis die Kapitalismus-Schelte aus, geißelt „finanzmarktgetriebene” Systeme und fordert das Verbot von Hedge-Fonds. Finanzinvestoren würden den „Zeitgeist des Neoliberalismus” diktieren, schimpft er.

Dagegen müsse die Partei ankämpfen. Immer wieder zielt der Ex-SPD-Chef auf die alten Genossen, denen er Verrat an der Arbeiterbewegung vorwirft. Genüsslich verknüpft Lafontaine Willy Brandts Leitspruch „Mehr Demokratie wagen” mit der Forderung nach einer stärkeren Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen.

Ständig müssen Zitate verstorbener Größen Lafontaines Rede intellektuell veredeln. Marx, Engels, die Ahnenreihe der linksfähigen Philosophen, aber auch Adorno und Goethe halten für sozialistische Parolen her. „Das ist der neue Marx da oben”, meint ein Delegierter und klatscht vergnügt. Lafontaine ist in seinem Element, stichelt, witzelt, attackiert. Etwa die Bundesregierung deren Armutsbericht er zum „Armutszeugnis” für die Koalition umetikettiert.

Inhaltlich bleibt alles beim Alten. Arbeitslose, Rentner, Frauen, Arbeitnehmer ­ alle sollen mehr Geld bekommen. Ein 50-Milliarden-Euro schweres Investitionsprogramm soll Deutschland gerechter machen. Finanzierung? Fehlanzeige. Umsetzung? Egal. Den Delegierten reicht das. Der Vortrag kommt an. Applaus, Pfiffe und „Bravo”-Rufe erntet Lafontaine am Ende.

Und doch erhält der 64-Jährige bei seiner Wiederwahl einen Dämpfer: nur 78,5 Prozent. Der Kölner Delegierte Thiess Gleiss, Mitglied des Parteivorstands, ahnt warum. „Oskar Lafontaine ist ein einsamer Mann in der Partei.” Und der von Lafontaine beeinflusste Leitantrag sei nun einmal ein „Katalog der Beliebigkeit”.


 
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