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Ehemaliger RAF-Terrorist: Linksradikale feiern Christian Klar

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 31.12.2008 - 10:19

Berlin (RP). Die Hauptstadt Berlin wird zur Heimstatt für frühere RAF-Terroristen. Inge Viett legt sich mit Polizisten an, Till Meyer wirft Pflastersteine gegen eine Bank, Rolf Heißler stellt seine Zeit im Gefängnis aus – und für Christian Klar ließ die Szene nun eine Willkommens-Party steigen.

Die Einladung kam nicht auf Bütten ins Haus, sondern klebte als Flugblatt auf öffentlichen Abfalleimern: „Willkommen Christian Klar!“ Einen „internationalistischen Abend“ stellten die „Antifaschisten und Antikapitalisten“ vor Freude über die Freilassung Klars auf die Beine. Das war die Reaktion der linksextremistischen Szene auf den Wechsel des früheren RAF-Terroristen aus 26-jähriger Haft für neunfachen Mord in die Freiheit Berlins. Und es wird nicht die letzte sein. Immer mehr ehemalige RAF-Terroristen wählen die Hauptstadt als Heimstatt und gehen dabei alles andere als reumütig zu Werke.

Inge Viett unterstreicht auch heute noch, der damalige „politisch/militärische Angriff“ sei der „angemessene Ausdruck für unseren Widerstand gegen den Kapitalismus“ gewesen, und sie wünscht sich im Nachhinein, der „Guerillakampf“ hätte über mehr Erfahrung, Klugheit, Ausdauer und Unterstützung verfügt. Das sind Sätze, an die Klar nahtlos anknüpfen kann. Aus dem Gefängnis heraus hatte er Anfang 2007 gegenüber der Rosa-Luxemburg-Konferenz die Hoffnung geäußert, „die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen“.

Die Zukunft will Klar zunächst selbst aus dem Verborgenen heraus betrachten. Medientermine lehnt er (noch) ab. „Berliner-Ensemble“-Intendant Claus Peymann bot ihm einen Praktikumsplatz an. Und der Betriebsratsvorsitzende des Theaters, Dirk Meinelt, hat sich zur Vorbereitung bereits zehn Mal mit Klar getroffen. Anfangs im Knast, später in Freigängen. Sein Urteil: „Von diesem Menschen geht keine Gefahr aus.“ Meinelt ist sogar davon überzeugt, dass die bei Klar vermisste Reue insgeheim existiere. Das gehe aus den Briefen hervor, die Klar an Johannes Rau und Horst Köhler geschrieben habe. Meinelt: „Er hat in allen Briefen geschrieben, dass er bedauert.“ Freilich ist eine solche, bislang unbekannte Regung bei den Angehörigen der Opfer nicht angekommen.

Auch die Willkommensparty im Friedrichshainer „Schnarup-Thumby“ bekommt Klar dazu nicht im aktuellen Original zu hören, sondern wegen Fehlens des Freigelassenen vermittels eines per Beamer an die Wand geworfenen Interviews von 2001. Darin betont Klar, dass Schuldbewusstsein und Reue keine Begriffe aus dem „politischen Raum“ seien. Er überlasse „der anderen Seite“ die Gefühle, respektiere sie, mache sie sich aber nicht zu eigen. Statt des angekündigten neuen Films über den „Baader-Meinhof-Komplex“ entscheiden sich die zumeist jüngeren Gäste per Abstimmung für Punk-Musik. Vorher wird in der Kneipe noch das Banner „Freiheit für Christian Klar“ abgehängt – für die Erschienenen ein Grund zum Feiern. Dazu gibt es „Solitresen“: Einen halben Liter Bier für 1,30 Euro.

Berlin füllt sich also wieder mit Ex-Terroristen. Und manche brauchen nicht lange, bis sie bei der Polizei wieder aktenkundig werden. Inge Viett wird regelmäßig bei den 1. Mai-Revolutions-Aufmärschen gesichtet und versuchte sich am Rande des Bundeswehr-Gelöbnisses mit einer Gefangenenbefreiung, Till Meyer nahm mit Pflastersteinen eine Bank unter Beschuss, und Rolf Heißler zeigt in einer Ausstellung Zeugnisse seiner Haftzeit.

Quelle: RP

 
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