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Serie - Die Geschichte der Deutschen (Teil 4): Luther und die Reformation

VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 05.01.2008 - 13:44

(RP). Reformierte Messe, verheiratete Priester, Kampf gegen den Ablasshandel - Martin Luthers Ideen traten von Wittenberg aus ihren Siegeszug an. Die Reformation brachte geistesgeschichtlich die Individualisierung und die Freiheit voran und führte zur Gründung des Protestantismus.

Info

Die nächsten Folgen

7.1. Dreißigjähriger Krieg;

8.1. Deutsche Klassik u. Romantik;

9.1. Friedrich der Große und Preußen;

10.1. Napoleon und Nationalbewegung;

11.1. Industrialisierung;

12.1. Bismarcks Reichsgründung;

14.1. Erster Weltkrieg;

15.1. Hitler, 1933-1945;

16.1. Adenauers Bonner Republik;

17.1. Vom Mauerfall bis zur Einheit

Es ist ein Bild, in dem Epochales anschaulich wird: Ein Mönch nagelt 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg - und der Widerhall der Hammerschläge donnert durch ganz Europa. Bekanntlich ist umstritten, ob Martin Luther seine Thesen wider den Ablasshandel wirklich an das Tor genagelt oder nur zur Disputation verschickt hat. Die Symbolkraft der Szene jedenfalls ist groß - und darin auch verführerisch. Denn sie suggeriert, dass der unbekannte Mönch völlig unerwartet die Bühne der Geschichte betrat. So war es nicht. Martin Luther ist einer dieser großen Einzelnen, die mit genialer Kraft Zeitströmungen bündeln und die Geschichte im Sprung vorantreiben.

Als Luther 1483 geboren wurde, da gab es eine Fülle von Reformbewegungen, die der äußerlichen Pracht päpstlicher Macht die Innerlichkeit des Glaubens und das Ideal eines einfaches Lebens entgegensetzten: die Bettelorden, die deutsche Mystik, die „devotio moderna“ - jene neue Frömmigkeit, die etwa in dem Werk „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen Ausdruck fand. Das Buch erschien 1486 erstmals in einer deutschsprachigen Druckausgabe - da war Martin Luther drei Jahre alt.

Massive Kritik

Es gab auch massive theologische Kritik, die manchen Gedanken Luthers vorwegnahm. Der Oxforder Theologieprofessor John Wyclif (um 1328-1384) bekämpfte den Papst als „Antichristen“, lehnte die kirchliche Hierarchie ab und sah die Bibel als einzige Autorität in Glaubensfragen an. Und auch Wyclif übersetzte die Bibel in seine Muttersprache. Der böhmische Universitätslehrer und Prediger Johannes Hus griff die Ideen Wyclifs auf - und wurde trotz der Zusage freien Geleits beim Konzil in Konstanz als Ketzer verhaftet, gefoltert und 1415 verbrannt.

Ein Jahrhundert später trat Martin Luther ins Licht der Geschichte. Sein Vater Hans war Bergmann, der es durch harte Arbeit zu Wohlstand gebracht hatte. Martin sollte Jurist werden. Doch als er das Jura-Studium 1505 beginnen sollte, trat der Sohn in Erfurt dem strengen Bettelorden der Augustiner bei. Das in hoher Not während eines Gewitters ausgesprochene Gelübde, Mönch zu werden, besiegelte den eingeschlagenen Weg.

Ablassthesen

Im Augustiner-Kloster stellte sich Luther jene Frage, die er als Reformator beantworten sollte: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Das Gefühl eigener Unzulänglichkeit muss ihn beständig und tief gequält haben. Parallel dazu machte er eine akademische Karriere: 1512 wurde er Doktor der Theologie und bekam in Wittenberg - mit 29 Jahren - eine Professur. Wann genau er seine zentrale reformatorische Entdeckung gemacht hat (wonach der Mensch allein im Glauben und aus der Gnade Gottes gerecht wird), ist allerdings unklar.

Sicher ist nur: Die Ablassthesen, die er am 31. Oktober 1517 veröffentlichte, forderten Rom heraus - These 34: „Wer glaubt, durch einen Ablassbrief seines Heils gewiss sein zu können, wird auf ewig mit seinen Lehrmeistern verdammt werden.“ Mit solchen Sätzen traf Luther gleich mehrere Lebensnerven der Kirche: Finanzielle Interessen Roms waren ebenso gefährdet wie die Rolle als oberste Verwalterin göttlicher Gnade.

Faktor Buchdruck

Der Ablass war ein seltsames Phänomen. Er wurde von der Kirche skrupellos eingesetzt, um Geld zu machen - was das bedeutet, begreift man vielleicht erst richtig, wenn man die Geldtruhen von Ablasshändlern im Wittenberger Luther-Museum gesehen hat. Obwohl das irdische Interesse mit Händen zu greifen war, glaubten die Menschen an den Handel, weil sie offenbar erfüllt waren von tiefer Angst vor dem Fegefeuer. Zugleich muss es ein tiefes Unbehagen an dieser Art gegeben haben, sich von göttlichen Strafen freizukaufen. Luthers Kritik daran verbreitete sich jedenfalls wie ein Lauffeuer in Deutschland.

Technisch waren die Voraussetzungen im Buchdruck gegeben, und auch politisch war die Zeit reif. Die politische Lage war geprägt durch die Rivalität zwischen der katholischen Großmacht Spanien einerseits und andererseits erstarkenden Nationalstaaten wie England und Frankreich sowie selbstbewussten Territorialfürsten, die weder Rom noch Kaiser fürchteten. Dieser Ausgangslage verdankt Luther sein Leben. Es war der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise, der Kaiser Karl trotzen und den verurteilten Ketzer Martin Luther beschützen konnte.

Zuspitzung

Für Luther spitzte sich nach seinem Thesenanschlag die Lage Zug um Zug zu. Er wurde im Dezember 1517 in Rom der Ketzerei beschuldigt und 1518 beim Reichstag in Augsburg vom päpstlichen Legaten Kardinal Cajetan verhört - Luther widerrief nicht. Bei der so genannten Leipziger Disputation 1519 radikalisierte er seine Thesen. Im Streitgespräch mit Johann Maier aus Eck, Vizekanzler der Universität Ingolstadt, kurz Eck genannt, leugnete Luther, dass der Vorrang des Papstes heilsnotwendig sei, bestritt die Irrtumslosigkeit der Konzilien und verteidigte einige Thesen des Ketzers Hus. Die Folge: Rom erließ 1520 die Bannandrohungsbulle gegen Luther.

Darin wurde die Verbrennung seiner Schriften befohlen und er aufgefordert, binnen 60 Tagen zu widerrufen. Luthers Antwort: Er verbrannte die Bulle am 10. Dezember 1520 öffentlich. Zudem war 1520 das Jahr der großen reformatorischen Schriften Luthers: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, „An den christlichen Adel deutscher Nation“ sowie „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, in denen er seine Kritik an Rom sprachgewaltig zuspitzte und den Adel zu Kirchenreformen aufrief. Luther wurde am 3. Januar 1521 zum Ketzer erklärt.

Der berühmte Auftritt in Worms

Im April 1521 kam es zu dem berühmten Auftritt auf dem Reichstag zu Worms. Luther verteidigte sich, widerrief nicht und soll seine Rede - nach einer späteren Druckfassung seiner Rede - mit den Worten geendet haben: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ Der Kaiser reagierte mit dem Wormser Edikt vom 26. Mai 1521, das über Luther die Reichsacht verhing. Nun war sein Leben in Gefahr.

Friedrich der Weise sorgte dafür, dass Luther auf der Wartburg untertauchte. Als Junker Jörg vollbrachte er dort seine sprachlich größte Leistung, mit der er uns Deutschen eine gemeinsame Sprache geschenkt hat: die Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Währenddessen trieben seine Anhänger in Wittenberg praktische Reformen voran: Die Messe wurde reformiert, Priester heirateten, Orden lösten sich auf. Von Wittenberg aus strahlten Luthers Ideen nach ganz Europa aus; rief weitere Reformatoren auf den Plan - wie Zwingli und Calvin. Auch politisch radikalisierte sich die Stimmung. Unter Berufung auf Ideen der Reformation kam es 1525 zum Bauernaufstand, der grausam niedergeschlagen wurde. Luther trug mit seiner Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ seinen Teil zu dieser Grausamkeit der Fürsten bei.

Wormser Edikt

Seit 1526 begann der Prozess, der die konfessionelle Spaltung der Christenheit besiegelte: die Gründung lutherischer Landeskirchen, zunächst in Kursachsen und Hessen. Der Kaiser konnte dem nur machtlos zuschauen. Sein Wormser Edikt von 1521 wurde 1526 auf dem Reichstag zu Speyer entscheidend abgemildert. Jeder Fürst konnte nun selbst entscheiden, ob er das Edikt umsetzte oder nicht. Diese Entscheidung sollte 1529 beim zweiten Reichstag zu Speyer wieder aufgehoben werden. Die evangelischen Fürsten widersetzten sich in einer feierlichen „Protestation“ der katholischen Mehrheit - dies gilt als Geburtsstunde des Protestantismus, und daher rührt auch die Bezeichnung „Protestanten“. Die Front zwischen evangelischen und katholischen Mächten gehörte fortan fest zum Geschichtsbild Europas.

Als Luther am 18. Februar 1546 starb, war die Welt eine andere. Die Reformation stellte geistesgeschichtlich einen Schub an Individualisierung, Verinnerlichung, auch an Freiheit dar. Zentrale Positionen der Reformation färbten auf die katholische Kirche ab - eine so skrupellose Veräußerlichung von Buße und Gnade wie im Ablass-Wesen ist in der Weltchristenheit überwunden. Zu Gott findet man persönlich oder gar nicht, das wissen Katholiken so gut wie Protestanten. So ist die Reformation in wichtigen Punkten wirklich eine Reform der Weltchristenheit und keine Revolution gewesen. Darin liegt heute die vielleicht wichtigste ökumenische Hoffnung.


 
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