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Einschätzungen zweier Sprachwissenschaftler
"Die Sprache von Pegida ist ein Fundament für Gewalt"

AfD-Demo in Erfurt: 8000 protestieren gegen Asylpolitik
AfD-Demo in Erfurt: 8000 protestieren gegen Asylpolitik FOTO: dpa, msc bsc
Düsseldorf. Merkel wird als "Volksverräterin" beschimpft, Justizminister Maas mit Joseph Goebbels verglichen und die Medien als "Lügenpresse" bezeichnet. "Pegida" und die AfD wählen bewusst drastische, diffamierende Worte. Diese Sprache kann ein Fundament sein für Gewalt, sagen Sprachwissenschaftler. Von Laura Sandgathe

"Das ist verbale Gewalt". Prof. Dr. Peter Schlobinski, Sprachwissenschaftler an der Universität Hannover, findet klare Worte für die Sprache, die "Pegida"-Sprecher wie Lutz Bachmann verwenden. "Mit Sprache können wir andere beleidigen, diffamieren, diskriminieren", sagt Schlobinski.

Wenn dann noch Worte verwendet werden, die der Sprache der Nationalsozialisten entnommen sind, verschärfe sich der Tonfall weiter. "Diese Worte sind emotional hoch aufgeladen", sagt Schlobinski. Am Montag hatte Bachmann auf einer Demonstration in Dresden Bundesjustizminister Heiko Mass (SPD) mit dem Nazi-Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels verglichen. Auch der Begriff "Volksverräter", der von "Pegida"-Anhängern immer wieder verwendet wird, fällt in diesen Bereich.

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"Es ist nicht die Sprache selbst, die gefährlich ist. Aber die Sprecher sind es durchaus", sagt Schlobinski. Durch die hetzerische, diskriminierende Wortwahl der "Pegida"-Redner werde Gewaltbereitschaft erzeugt, die in physische Gewalt münden könne. Die Sprache kann also ein "Fundament" für physische Gewalt sein, sagt Schlobinski. "Die Geschichte zeigt, dass es da Zusammenhänge gibt. Ein Beispiel ist die Propaganda der NS-Zeit", sagt Schlobinski. Auch "Pegida" vertrete offen rechtsextreme Positionen. 

Die "Pegida"-Sprecher verwendeten diese diffamierende Sprache bewusst, sagt Schlobinski. "Es ist ihr Denken - und das finde ich erschreckend", sagt der Sprachwissenschaftler.

"Keiner hat gesagt: 'Packt den Galgen ein'"

Allerdings münde die verbale Gewalt nicht zwingend in physische Gewalt, sagt Schlobinski. "Leute, die gewaltbereit sind, lassen sich von den Reden anstacheln", sagt der Sprachwissenschaftler. Doch da spielten mehrere Aspekte eine Rolle, unter anderem auch der individuelle soziale und kulturelle Hintergrund. Trotzdem sieht Schlobinski all die Menschen, die bei den Demonstrationen mitlaufen, ebenso kritisch wie diejenigen, die offen gegen Flüchtlinge hetzen oder gar physische Gewalt anwenden. "Als der Galgen durch Dresden getragen wurde, da ist keiner von den Demonstranten auf die Idee gekommen zu sagen 'Packt das ein'. Das finde ich erschreckend", sagt Schlobinski.

Aufmarsch in Mönchengladbach FOTO: Ilgner Detlef

Seiner Meinung nach gibt es für dieses Verhalten zwei Erklärungen: "Entweder gibt es unter den "Pegida"-Mitläufern eine grundgemeinsame Einstellung, die den Hass und die Gewalt toleriert. Oder die Menschen sind sich der Problematik gar nicht bewusst", sagt Schlobinski. Doch auch letztere Möglichkeit sei nicht harmlos. "Es besteht die Gefahr, dass sich auch die Mitläufer mit der Zeit immer weiter radikalisieren", sagt Schlobinski. "Wenn dann immer mehr doch einen Schritt weitergehen, ist das nicht ungefährlich", sagt er.

Allerdings sieht der Sprachwissenschaflter keine Gefahr, dass Deutschland von "Pegida" überrollt wird. "Die große Mehrheit der Bevölkerung folgt dem nicht, will das nicht", sagt er. Allerdings sieht er ein großes "Mobilisierungspotenzial" für rechtes Gedankengut. Dem sollten der Rechtsstaat und die Bevölkerung etwas entgegensetzen.

Fotos: Tausende bei "Pegida"-Demo am 19. Oktober 2015 FOTO: dpa, lus soe

Nicht auf die Ebene von "Pegida" begeben

"Die 'Pegida'-Redner führen einen sehr emotionalen Diskurs. Sie wollen anstacheln und aufregen. Um rationale Argumente geht es ihnen nicht", sagt Schlobinski. Ähnlich sieht der Sprachwissenschaftler die Hass-Postings in sozialen Medien wie Facebook.

Wer den "Pegida"-Rednern Kontra bieten will, sollte dies nach Schlobinskis Meinung auf einer sachlich argumentativen Ebene tun: "Man sollte sich nicht auf die Ebene von 'Pegida' begeben". Auch Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) hätte die Demonstranten in Heidenau nicht als "Pack" bezeichnen sollen, findet der Professor.

Der Hass von "Pegida" und Co. rufe aber auch Gegenreaktionen hervor von Menschen, die ihn nicht dulden wollen. Diesen Effekt sollten sich Politiker und andere Menschen, die gegen "Pegida" den Mund aufmachen wollen, zunutze machen.

Auch der Rechtsstaat sollte nach Meinung von Schlobinski härter durchgreifen. Wenn das, was von "Pegida"-Sprechern gesagt werde, an Volksverhetzung grenze, solle Anklage erhoben werden. Nach Meinung des Sprachwissenschaftlers hätte der Rechtsstaat außerdem schon viel früher eingreifen sollen: "Rechtes Gedankengut, das strafrechtlich relevant ist, gibt es schon lange. Gerade in den sozialen Medien haben sich rechte Gruppierungen breit gemacht", sagt er. Allerdings drängten die Vertreter dieses Gedankengutes erst jetzt, zu Zeiten der Flüchtlingskrise, an die Öffentlichkeit. Damit werde das Problem offensichtlich.

Facebook als "Internet-Stammtisch der jüngeren Generation"

Ähnlich äußert sich Prof. Dr. Heidrun Kämper vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Die Reden von "Pegida" brächten einen "Ton in die politische Diskussion, der Schwellen überschreitet", sagt die Sprachwissenschaftlerin, die sich in ihrer Forschung unter anderem auch mit sprachlicher Umbruchgeschichte beschäftigt. "In unserer Gesellschaft ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass wir in zivilisierter Form miteinander umgehen", sagt sie. "Pegida" halte sich nicht daran und sorge dadurch für eine "Enthemmung" innerhalb des Diskurses.

Hasskommentare auf Facebook sieht Kämper wie ihr Kollege Schlobinski als wesentlichen Teil des Problems. Facebook sei der "Internet-Stammtisch der jüngeren Generation". Wie früher in der Kneipe würden hier in enthemmter, emotional aufgeladener Form Parolen ausgetauscht. 

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