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Truppenübung in Polen
Manöver mit Zündstoff

Truppenmanöver "Anakonda" startet
Truppenmanöver "Anakonda" startet FOTO: ap, AK
Warschau . Mehr als 31.000 Soldaten aus 24 Staaten trainieren in Polen den Verteidigungsfall. Warschau zeigt mit dieser Großübung militärische Stärke – und sorgt damit für Irritationen auch bei Verbündeten. Von Helmut Michelis

Die Miniatur eines kleinen Jungen mit Maschinenpistole – irritiert über dieses scheinbar abstruse Geschenk waren die Gasteltern polnischer Hockey-Kinder, die für eine Woche zu Freundschaftsspielen nach Mönchengladbach gekommen waren. Doch diese Nachbildung einer Bronzefigur, deren Original in der Warschauer Altstadt aufgestellt ist, symbolisiert das bis heute wirkende Trauma der Polen: Die Figur des 13-jährigen Antek steht für die getöteten polnischen Kindersoldaten, die sich 1944 im Warschauer Aufstand vergeblich gegen die verhassten deutschen Besatzer gewehrt hatten. 

Wenn jetzt rund 31.000 Soldaten aus 24 Staaten am Großmanöver "Anakonda 2016" teilnehmen, der größten Militärübung in Polen seit 1989, dann hat das mit dieser historisch begründeten Angst zu tun: von mächtigen Nachbarn zerrieben zu werden, beginnend bereits mit den sogenannten polnischen Teilungen im Jahr 1772. Und Polens neue national-konservative Regierung schürt diese Ängste und das Misstrauen vor allem gegenüber Wladimir Putins hochrüstendem Russland.

Vergleiche zur Krim-Annexion

So wird bei "Anakonda" die Abwehr eines verdeckten Angriffs geübt, wie ihn Moskau mit seinen "grünen Männchen", anonyme Soldaten ohne Hoheitsabzeichen,  bei der Besetzung der Krim erfolgreich praktiziert hat. Nicht nur Polen, sondern auch die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sind tief besorgt, dass die russische Armee nach dem Muster von Georgien, Moldau und der Ukraine auch sie angreifen könnte. 

Die fiktive Lage von "Anakonda" ist ein deutliches politisches Signal in Richtung Russland: Rund 2000 Fallschirmjäger aus Polen, den USA und Großbritannien landeten spektakulär in der Nähe der polnischen Stadt Torun – blitzschnell will die Nato vor Ort sein, wenn ein Bündnispartner bedroht ist. Ein Aggressor hat das Nato-Mitglied angegriffen und muss nun zurückgeschlagen werden, so die Manöver-Vorgabe. Artikel 5 des transatlantischen Vertrages ist dafür die Grundlage: Ein Angriff auf einen Mitgliedsstaat wird als Angriff auf alle angesehen – eine Abschreckungsstrategie, die im Kalten Krieg vier Jahrzehnte lang den Frieden bewahrt hat und danach bis zur russischen Annexion der Krim und der Destabilisierung der Ost-Ukraine Geschichte zu sein schien.

Ein polnischer und ein US-amerikanischer Soldat im Einsatz FOTO: dpa, jkm ase

Bundeswehr mit dabei

Polens Nato-Partner sind bereit, bei "Anakonda" und anderen Manövern an der Ostflanke des Verteidigungsbündnisses ein deutliches Zeichen der Solidarität zu setzen: Mehr als 3000 Fahrzeuge und Panzer sowie Dutzende Flugzeuge, Hubschrauber und Kriegsschiffe werden allein bei dieser Übung eingesetzt. Das größte Kontingent stellen diesmal mit 14.000 Soldaten die Amerikaner. Aber auch Deutschland hat Truppen geschickt: Das Panzerpionierbataillon 130 aus Minden wird, Originalton Bundeswehr, "mit den Systemen Amphibie M3 sowie Faltschwimmbrücke mehrere Gewässerübergänge sicherstellen". 

Doch manche westlichen Politiker sind wenig glücklich über den Zeitpunkt und die Größe von "Anakonda", auch wenn es als ein nationales polnisches Manöver, nicht als Übung unter Nato-Kommando deklariert ist. Wenige Wochen vor dem Nato-Gipfeltreffen könnte diese Übung als Provokation Moskaus empfunden werden, zu dem man gerade wieder vorsichtig Kontakte sucht. So hatte im April nach fast zwei Jahren Pause der Russland-Nato-Rat wieder auf Botschafterebene getagt. 

Kritik aus Moskau

"Direkt vor dem Gipfel eine solche Übung direkt an der Grenze zu Russland abzuhalten, ist garantiert keine Deeskalation", kritisierte prompt Tobias Pflüger von Linkspartei und spricht von der Gefahr eines Rückfalls in die Zeiten des Kalten Krieges. Die Übung trage nicht dazu bei, eine Atmosphäre von Vertrauen und Sicherheit zu schaffen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Dass Moskau seit Längerem ungleich größere Militärmanöver an den Westgrenzen durchführt, blieb dabei unerwähnt. Für breitere Irritation auch bei westlichen Politikern  sorgte aber, dass Warschau Streitkräfte der Ukraine und Georgien zu "Anakonda" eingeladen hat, zwei Nachbarstaaten Russlands, die nicht zur Nato gehören. Außerdem nehmen zivile polnische Freiwilligenverbände teil, ein Zeichen dafür, wie ernst Warschau die Bedrohung einstuft.  

Das Land hat seine Rüstungsausgaben laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri 2014 um 13 und 2015 um weitere 20 Prozent aufgestockt. Innerhalb von zehn Jahren will Polen demnach 32 Milliarden Euro für die Modernisierung seiner Streitkräfte ausgeben. Zeitgleich zu "Anakonda" findet in mehreren Städten des Landes die Übung "Renegade" statt. Dabei geht es um die Abwehr von Terroranschlägen und den Katastrophenschutz. 

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