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Debatte um Gesichtsschleier
Mein Kreuz mit der Burka

Mein Kreuz mit der Burka
Jasamin Ulfat trägt Kopftuch, aber mit dem Gesichtsschleier kann sie nichts anfangen. FOTO: Bretz, Andreas
Duisburg/Essen. In den Niederlanden sind Burka und Niqab an öffentlichen Orten bald verboten. Unsere Autorin trägt ein Kopftuch und hat während eines Studienaufenthalts im Jemen auch schon den Niqab getragen. Sie ist gegen einen Ganzkörperschleier – aber auch gegen ein Verbot. Von Jasamin Ulfat

Europa wird von Terroranschlägen heimgesucht. Junge, meist bereits als kleinkriminell aufgefallene Männer verschreiben sich zunehmend einer hasserfüllten Ideologie, die sie von gesellschaftlichen Verlierern zu einer brutalen und vermeintlich auserwählten Elite werden lässt. Was liegt da näher, als zur Bekämpfung des Problems die Kleidervorschriften für Frauen zu ändern? Die als "Burka"-Verbot durch die Medien geisternde Idee ist durchschlagend. Das niederländische Parlament hat kürzlich ein Gesetz verabschiedet, dass das Tragen von Burka und Niqab an öffentlichen Orten wie Schulen und Krankenhäusern, in Bussen und Bahnen verbietet.

Schwarze, alles verhüllende Gewänder sind das negative Ideal, welches wir zur Zeit brauchen: frauenverachtend, freiheitsfeindlich, gesellschaftsverneinend. Da kann man uneingeschränkt dagegen sein. Es fällt bei diesem Thema schwer, nicht zynisch zu werden. Denn sobald man ein Burka-Verbot kritisiert, das im Prinzip ein Vermummungsverbot ist, wird man als Befürworter der Gesichtsverschleierung abgestempelt. Deswegen gilt es, das Problem einmal zu entwirren und aufzuzeigen, warum ein Vermummungsverbot der falsche Weg ist. Und warum man trotzdem gegen das Tragen des Gesichtsschleiers sein kann.

Ich habe selbst Niqab getragen

Zuallererst fällt auf, dass sich insbesondere Menschen in die Diskussion einmischen, die weder Ahnung von Burka, Niqab, dem Nahen Osten oder von Frauenrechten allgemein haben. Nun muss man ein Thema nicht erst zwölf Semester lang studiert haben, um sich einmischen zu dürfen, aber die grundlegenden Begriffe sollte man auseinander halten können. Aber sich mit Frauen unterhalten zu haben, die den Gesichtsschleier freiwillig aufsetzen, kann auch nicht schaden.

Ich habe den Gesichtsschleier, den Niqab, getragen. Nicht, weil ich ihn gut finde, oder mal sehen wollte, wie das ist. Sondern weil ich in einem Land gelebt habe, wo ich den Schleier als Teil der "Studentenuniform" tragen musste. Nicht jede Universität in Jemen hat das Tragen des Schleiers vorgeschrieben. Nur diese eine. Und so weiß ich nicht nur, wie es ist, solch ein Gewand anzuziehen. Ich weiß auch, wie es ist, zum Tragen gezwungen zu werden – zumindest für einen Teil des Tages. Sobald ich die Universität am Nachmittag verließ, setzte ich den Gesichtsschleier wieder ab, weil er nicht meinem Selbstbild entsprach.

Es gibt verschiedene Arten, sein Gesicht zu verhüllen. Der recht leichte, arabische "Lithma" wird um den Kopf gebunden, bringt die Augen schön zur Geltung und ist relativ angenehm zu tragen. Auch schränkt er die eigene Sicht nicht ein, was im Straßenverkehr von Vorteil sein kann. Der etwas anders gebundene "Niqab" gleicht einem Mundschutz, den man bis über die Nase zieht. In Kombination mit einer Art dreieckigem Bandana ist es möglich, selbst ohne weiteren Schleier die Augen zu verbergen. Der Niqab ist dicker, undurchlässiger und erschwert durch die Art des Bindens die Sichtfreiheit der Tragenden. Dennoch habe ich Frauen kennengelernt, die beides freiwillig tragen.

Die Burka ist die in Afghanistan getragene, blaue Kluft mit Gittern vor den Augen. Sie ist sehr schwer, in den Augen der meisten Menschen recht unansehnlich, und wird in Deutschland in der Regel nicht getragen. Ein tatsächliches Burka-Verbot würde also am Status Quo nichts ändern. Jeder, der sich mal spaßeshalber eine Burka aufgesetzt hat, wird verstehen, dass dieses Gewand auch in Zukunft keine Renaissance erleben wird. Genauso gut könnte man in Deutschland Ritterrüstungen verbieten: der Tragekomfort ist vergleichbar.

Burka-Verbot ist nur eine kosmetische Verbesserung

Frauen, die zum Tragen des Gesichtsschleiers gezwungen werden, haben kein einfaches Leben. Um einem Menschen das Zeigen des eigenen Gesichts verbieten zu können, muss man uneingeschränkte Macht über diesen Menschen besitzen. Man muss die Fähigkeit besitzen, diesen Menschen von allem öffentlichen Leben abzuschneiden. Diese Macht lässt sich durch ein "Burka"-Verbot nicht brechen. Männer, die ihre Frauen/Töchter/Schwestern zum Tragen des Gesichtsschleiers zwingen, können diese auch recht einfach zum Auswandern zwingen oder dazu, die Wohnung nicht mehr zu verlassen, wenn der Gesichtsschleier verboten würde.

Das heißt nicht, dass man diesen Frauen nicht helfen sollte. Der Ausbau von Frauenhäusern, Unterstützung von Vereinen, die sich ohne weitere Agenda um solche Frauen kümmern, Polizeischutz vor gewalttätigen Ex-Partnern würde diesen Frauen im Ernstfall viel mehr helfen. Eventuell auch ein Schwerpunkt im islamischen Religionsunterricht, um bereits den ganz kleinen Jungs zu zeigen, dass der Zwang zur Verschleierung keine Idee des Propheten war. Ein "Burka"-Verbot ist jedoch nur eine kosmetische Verbesserung: Wenn wir die Frauen schon nicht befreien können, dann wollen wir sie wirklich gar nicht mehr sehen, nicht mal mehr hinter einem Vorhang.

Es gibt aber auch Frauen, die tragen den Schleier freiwillig. Manche sogar gegen den Willen des Ehemannes. Wie ist das zu erklären? Und: was machen wir mit denen?

Sehr oft liest man den Einwand, dass ein Gesichtsschleier nicht in unsere Gesellschaft passt, dass das Tragen eines solchen eine bewusste Abkehr von der Gesellschaft ist. Zu diesem Vorwurf muss ich sagen: ja, absolut. Ich habe selbst erlebt, wie es ist, einen Schleier zu tragen. Als verschleierte Frau sieht man nicht nur aus wie ein Ninja, man fühlt sich auch so. Der Effekt, den manche durch das Tragen von Sonnenbrillen erreichen wollen, wird durch einen Gesichtsschleier um ein Vielfaches verstärkt. Man sieht, ohne gesehen zu werden. Man existiert, ohne ein Selbst entwickeln zu müssen. Man wird unsichtbar.

Gesicht zeigen ist ein wichtiges Konzept

Das alltägliche Leben stellt uns vor Herausforderungen: Ich bin immer ich, egal, ob ich im Supermarkt einkaufen gehe, mein Auto wasche, ein Referat in der Schule halte. Ich stehe mit meinem Gesicht ein für das, was ich gerade tue. Ganz egal, ob ich mich gerade wohl fühle, ob ich heute extrem gut aussehe oder mich für meine Akne schäme. Mit Gesichtsschleier fällt das weg. Was manch einer durch das Tragen eines Hoodies versucht, wird durch den Schleier perfektioniert. Ich kann all meine alltäglichen Besorgungen erledigen, und habe dennoch das Gefühl, mich nicht mit meiner Umwelt auseinandersetzen zu müssen. "Gesicht zeigen" ist hier in Europa ein wichtiges Konzept, aber auch eines, an dem einige Menschen scheitern.

Introvertiert zu sein ist mit einem Gesichtsschleier wesentlich einfacher. Das japanische Phänomen des "Otaku", des jungen, meist männlichen Stubenhockers, der mit der Außenwelt abgeschlossen hat, rührt wahrscheinlich vom gleichen Gefühl. Wer also einen Gesichtsschleier freiwillig aufsetzt, wer es gerne tut und sich damit wohlfühlt, der wäre in einem anderen Leben vielleicht "Otaku" geworden.

Als Mensch finde ich diese Entwicklung nicht gut. Ich habe an mir selbst gemerkt, dass ich nicht mehr über meine Mimik nachdachte, über meine Gestik. Ich habe gemerkt, dass ich mich in diesem aufgezwungenen Gewand wohlzufühlen begann. Das eigene Ich, das jeder Mensch an manchen Tagen nicht ausstehen kann, wurde mir einfach genommen. Als Last von den Schultern genommen. So wie die Hollywoodschönheit mit großer Sonnenbrille und noch größerem Hut manchmal gerne unerkannt durch die Straßen zieht, hatte ich durch den Gesichtsschleier ganz unfreiwillig eines erreicht: das absolute Inkognito. Ich kenne Frauen, die sich das freiwillig so aussuchen. Die den Gesichtsschleier tragen und das "Ich" verschwinden lassen wollen.

Fast jede Frau, die ich so kennengelernt habe, hat den Schleier irgendwann wieder abgesetzt. Vielleicht hat sie sich genug gefangen, vielleicht hat sie gemerkt, wie viel Wert das eigene Ich sein kann. Vielleicht hat sich ihr "Ich" kurz erholen müssen. Der Gesichtsschleier bedeutet, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen.

Aber dürfen wir, als freiheitsliebende, frauenempowernde Gesellschaft so etwas verbieten? Und dann gar noch auf staatlicher Ebene? Ist das der Weg, mit dem man Menschen begegnet, die so etwas freiwillig für sich entscheiden? Hier genau liegt das Dilemma: Der Gesichtsschleier passt nicht nach Deutschland. Das eigene Ich aus der Umwelt zu entfernen, hat Konsequenzen für das Selbstbewusstsein des jeweiligen Menschen. Aber das ist viel mehr eine Sache der Psychologie, und kein Problem, dem sich der Bundestag annehmen sollte.

Jasamin Ulfat (34) wuchs als Tochter einer Deutschen und eines Afghanen in Gelnhausen (Hessen) auf. Sie ist Anglistik-Dozentin an der Universität Duisburg-Essen.

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