Streit um die Papstentscheidung: Merkel macht Kirchenpolitik
VON MARTIN KESSLER - zuletzt aktualisiert: 04.02.2009 - 07:37Berlin (RP). Die evangelische Christin und Bundeskanzlerin Angela Merkel will Schaden von der christlich-jüdischen Verständigung abwenden. Die Zurechtweisung des Papstes könnte ihr aber von den katholischen Traditionalisten im Unionslager übel genommen werden.
Der Termin ist nicht ungeschickt gewählt. Just zu dem Zeitpunkt, zu dem Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) als erster Europäer der neuen Obama-Administration in Washington seine Aufwartung macht, geht Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem Papst ins Gericht. Sie nutzte dazu die Pressekonferenz nach einem Arbeitsbesuch des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Öffentlichkeitswirksam forderte sie das Oberhaupt der katholischen Kirche zu einer Klarstellung in Sachen Holocaust-Leugnung auf.
Die Reaktionen kamen prompt: Während der Vatikan die Kritik der Kanzlerin zurückwies und seine verurteilende Haltung gegenüber jeder Verharmlosung des Holocaust bekräftigt, begrüßte der Zentralrat der Juden in Deutschland ausdrücklich, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Debatte um die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust-Leugners Richard Williamson eingemischt hat.
Doch das hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Ein deutscher Regierungschef mischt sich in eine innerkirchliche Angelegenheit ein, legt gar dem Papst nahe, sein Verhalten zu überdenken. Der Konflikt weckt Reminiszenzen an den Investiturstreit im Mittelalter oder den Kulturkampf im Deutschen Reich.
Doch diesmal geht es nicht um religiöse Frontstellungen, sondern um die deutsche Vergangenheit. Das stets labile Verhältnis zu den Juden in Deutschland und der Welt, der schwierige christlich-jüdische Dialog und der latente Antisemitismus, der auch hierzulande anzutreffen ist, haben die Kanzlerin aus der Deckung gebracht. Merkel besitzt eine hohe Sensibilität in dieser Frage, pflegt intensive Kontakte zu den jüdischen Gemeinden in Deutschland und widmet auch den deutsch-israelischen Beziehungen stets größte Aufmerksamkeit.
Wenn ein deutscher Papst einen notorischen Holocaust-Leugner wieder in die Kirche zurückholt, will Merkel nicht schweigen – auch wenn sie dem Pontifex keinen bösen Willen unterstellt. Ähnlich wie bei ihrem Einsatz für den Dalai Lama schaut sie dabei durchaus auch auf die Befindlichkeiten der Deutschen. Und die tiefe Entrüstung gerade bei vielen Katholiken und möglichen CDU-Wählern hat ihr Handeln beeinflusst. Die Grünen-Politikerin Christa Nickels dürfte nicht falsch liegen, wenn sie sagt, dass Merkel damit vielen Gläubigen aus dem Herzen spricht. Dass auch die üblichen Papst-Kritiker sich über die Merkel-Worte freuen, wird sie hinnehmen.
Doch ihre Kritik am Papst birgt Risiken. Der Kanzlerin wird häufig vorgeworfen, dass sie die katholische Welt, die maßgeblich die CDU mitgeprägt hat, nicht wirklich versteht. Zwar schreitet in Deutschland wie in vielen entwickelten Industrieländern die Kirchenferne stetig voran. Aber es gibt sie noch immer – die tiefkatholischen Gegenden im Emsland, am Niederrhein, in Oberschwaben oder in Teilen von Bayern und Thüringen. Dort genießt der Papst höchstes Ansehen. Und viele seiner Anhänger könnten es der evangelischen Pfarrerstochter übelnehmen, dass sie das katholische Oberhaupt gerade dann angreift, wenn es schon fast am Boden liegt.
Merkel hat sich in die Angelegenheiten der katholischen Kirche eingemischt, weil sie Gefahr für das Ansehen Deutschlands befürchtet, wenn der deutsche Papst im Fall des Holocaust-Leugners Williamson nicht klar handelt. Sie kommt aber in Bedrängnis, wenn Papst Benedikt XVI. darauf verweist, dass er seine uneingeschränkte Solidarität mit den Juden schon mehrfach erklärt habe und für die nötige Klarstellung gesorgt habe. Der Konflikt zwischen deutscher Kanzlerin und deutschem Papst bleibt vorerst bestehen.
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