Gemeinsames Buch "Deutschland 2.0": Merz und Clement rechnen mit der Politik ab
VON EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 28.04.2010 - 07:42Berlin (RP). Lästerzungen meinen, Wolfgang Clement und Friedrich Merz erinnern an die beiden Opas aus der Muppet-Show. Aus der Loge geben die beiden Alten stets ihre ebenso treffenden wie gehässigen Kommentare über all jene ab, die sich auf der Bühne abstrampeln. Die beiden Ex-Politiker haben nun auch ihre Kommentare zur Lage der Nation in Buchform vorgelegt.
Im Gegensatz zu dem Muppet-Opas beschränken sich der einstige Unionsfraktionschef Merz und der einstige SPD-NRW-Ministerpräsident sowie Ex-Wirtschafts- und Arbeitsminister Clement allerdings nicht auf eine schonungslose Analyse der Lage. Vielmehr erklären sie den amtierenden Politikern, ?was jetzt zu tun ist?.
Eben so lautet auch der Titel des Gemeinschaftswerks. ?Was jetzt zu tun ist. Deutschland 2.0? (Herder 18,95). Das Buch wurde gestern in Berlin im Kulturkaufhaus Dussmann vorgestellt. Die einstigen Rivalen kritisierten einmütig, dass es in Deutschland und Europa an Führung mangele. ?Wir haben drei Jahrzehnte über unsere Verhältnisse gelebt. Was wir in Griechenland erleben, ist ein Wetterleuchten von dem, was wir in der Euro-Zone noch erleben könnten?, prophezeite Merz, der zu Finanz-Hilfen für Griechenland ?keine Alternative? sieht. Clement forderte neue Regeln für die internationalen Finanzmärkte. Zugleich sprach er sich für eine stärkere Führungsrolle Deutschlands und Frankreichs in der Währungsunion aus. Die beiden Autoren warnten vor einem Zerfall der Europäischen Union. Mehrfach setzte es Seitenhiebe gegen die Kanzlerin.
Im Reform-Galopp fordern Clement und Merz in ihrem etwas ungeordneten Gemeinschaftswerk eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik in der EU, die Zahl der Bundesländer von 16 auf acht zu reduzieren, Bürokratie abzubauen, einen neuen öffentlichen Dienst zu schaffen sowie ?weniger Selbstzweifel, mehr unternehmerischen Geist, Kreativität und Power?. Die einstigen Spitzenpolitiker zeigten sich zugleich zuversichtlich, dass das Wahlvolk für Reformpolitik zu gewinnen sei. Man müsse diese nur gut genug erklären. So lassen sie das Buch mit ?zehn guten Gründen? enden, ?warum es sich lohnt für Deutschland zu streiten?. Darin loben sie Deutschland als weltoffene Demokratie, starke Volkswirtschaft, Integrationsland und Land der Erfindungen.
Beide Autoren haben der Politik enttäuscht den Rücken gekehrt. Wolfgang Clement, der von 1998 bis 2002 in Nordrhein-Westfalen Ministerpräsident einer rot-grünen Regierung war, warf den Parteien vor, sie würden den Wählern keinen reinen Wein einschenken. ?Im Wahlkampf gibt es keine Partei, die sagt: Es gibt nichts mehr zu verteilen?, kritisierte Clement. ?Es gibt aber nichts mehr zu verteilen. Die Aufgabe der Politik ist es, die Haushalte zu konsolidieren.? Der heute 69-Jährige hatte 2008 die SPD im heftigen Streit verlassen.
Friedrich Merz, der stets für ein marktliberales und patriotisches Profil der CDU stand, hatte 2002 seinen Posten als Fraktionschef der Union für Angela Merkel räumen müssen. 2004 zog er sich auch als Fraktionsvize zurück. Ein Comeback in der Politik wollte der 54-Jährige nicht ausschließen, betonte aber: ?Ich habe bisher jeder Versuchung widerstanden, den Oskar Lafontaine auf der anderen Straßenseite zu spielen.? Im Gegensatz zu Clement bleibt Merz seiner CDU treu. ?Ich empfehle in Nordrhein-Westfalen CDU zu wählen?, sagte er deutlich. ?Das ist tapfer?, beschied im Clement, der nicht verraten wollte, wo er am 9. Mai sein Kreuz setzen wird. Der Vollblutpolitiker im Ruhestand gab an, darüber noch nachdenken zu wollen und seine Entscheidung dann mit seiner Frau zu besprechen. Die Gattin saß amüsiert im Publikum und nickte.
Ob Clement und Merz einen ähnlichen Kult-Status erlangen wie die einzigen und originalen Muppet-Opas, bleibt offen. Ihr Buch läuft bei Amazon jedenfalls schon gut.
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