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Bertelsmann Stiftung: Migrantenkinder besuchen zu selten Kita

zuletzt aktualisiert: 04.01.2010 - 11:58

Gütersloh (RPO). Kinder von Zuwanderern besuchen seltener eine Kita als deutsche Jungen und Mädchen. Nur 84 Prozent der Migrantenkinder in Westdeutschland zwischen drei und sechs Jahren gehen in eine Kindertageseinrichtung, wie die Bertelsmann Stiftung am Montag mitteilte. Dabei profitieren gerade Kinder von sozial Schwachen am meisten von früher Kinderbetreeung. Die Stiftung kritisierte in diesem Zusammenhang das von Schwarz-Gelb als "falsches Signal".

Jana (links) und Zoe haben im Kindergarten „Pusteblume“ bei Kita-Leiterin Heike Coentges einen U-3-Platz bekommen – der Bedarf an Betreuungsplätzen für die Kleinsten ist groß, das Angebot dagegen begrenzt.  Foto: Isabella Raupold
Jana (links) und Zoe haben im Kindergarten „Pusteblume“ bei Kita-Leiterin Heike Coentges einen U-3-Platz bekommen – der Bedarf an Betreuungsplätzen für die Kleinsten ist groß, das Angebot dagegen begrenzt. Foto: Isabella Raupold

Bei den deutschen Kindern liegt der Anteil dieser Studio zufolge bei 93 Prozent. Am weitesten klafft die Schere in den Bundesländern Schleswig-Holstein, Bremen, Bayern und Berlin.

In Schleswig-Holstein besuchen laut Bertelsmann 91 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen ohne Migrationshintergrund eine Kita, unter den Zuwanderkindern sind es jedoch nur 60 Prozent. In Bremen liegt das Verhältnis bei 96 zu 75 Prozent, in Bayern bei 95 zu 75 Prozent, und in Berlin bei 100 zu 80 Prozent.

Spitzenreiter Baden-Württemberg

Einen relativ hohen Anteil an Migrantenkindern in Kindergärten verzeichnet dagegen Baden-Württemberg mit 94 Prozent, das Saarland mit 91 Prozent, Rheinland-Pfalz mit 89 Prozent und Nordrhein-Westfalen mit einem Anteil von 88 Prozent.

"Wir müssen die Barrieren abbauen, die Kinder aus Zuwandererfamilien heute vom Besuch einer Kindertageseinrichtung fern halten", sagte Jörg Dräger vom Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Das geplante Betreuungsgeld sei dazu der völlig falsche Anreiz. Vielmehr sei es Aufgabe der Politik, die Hindernisse zu beseitigen, Beteiligungsquoten von Kindern mit Migrationshintergrund zu erhöhen und so Chancengerechtigkeit herzustellen.

Kitas erhöhen Bildungschancen

Das von der Bundesregierung in der Koalitionsvereinbarung beschlossene Betreuungsgeld setzte nach Auswertung der Studie ein falsches Signal für sozial benachteiligte Familien, so die Stiftung in ihrer Analyse. Internationale Erfahrungen belegen, dass die Zahlung eines Betreuungsgeldes oft dazu führt, dass Kinder aus diesen Familien zu Hause bleiben.

Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, erhöhe sich erheblich, wenn Kinder in eine Kinderkrippe gegangen sind. Besonders stark ist der Effekt für benachteiligte Kinder. Die vom "Schweizer Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien" (BASS) erstellte Studie untersucht die Bedeutung früher Bildung für den weiteren Bildungsweg von Kindern. Ausgangspunkt ist dabei die Frage, welchen Effekt der Krippenbesuch auf den Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule in der Sekundarstufe I (Hauptschule, Realschule oder Gymnasium) hat.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass frühe Bildungsangebote gerade für sozial benachteiligte Kinder enorme Chancen im Bildungssystem eröffnen können: Durch den Besuch einer Kinderkrippe erhöht sich demnach die Wahrscheinlichkeit, das Gymnasium zu besuchen, um insgesamt fast 40 Prozent, bei Kindern aus Zuwandererfamilien sogar um 55 Prozent. Am stärksten profitieren Kinder, deren Eltern höchstens einen Hauptschulabschluss haben: Ihre Chance, ein Gymnasium zu besuchen, verdoppelt sich annähernd, wenn sie in ihren ersten Lebensjahren eine Krippe besucht haben.

Zugleich belegen Studien aus Norwegen, dass das Erziehungsgeld dort vor allem von Müttern mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Einkommen und von Familien mit Migrationshintergrund in Anspruch genommen wird. In Norwegen wurde 1998 ein Betreuungsgeld eingeführt. Für Deutschland plant die Bundesregierung, ab 2013 monatlich 150 Euro an Familien zu zahlen, die ihre Kinder nicht in eine Kindertageseinrichtung schicken.

Betreuungsgeld "falsches Signal"

"Die Ergebnisse zeigen, dass das geplante Betreuungsgeld die falschen politischen Weichen stellt", sagt Dr. Jörg Dräger, für Bildung zuständiges Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Es schaffe gerade für sozial schwache Familien den Anreiz, ihre Kinder nicht in die Krippe zu bringen. "Bildungspolitisch ist das ein Schildbürgerstreich", so Dräger. Zugleich moniert er die hohen Kosten des Betreuungsgeldes, die auf jährlich 1,2 Milliarden Euro geschätzt werden: "Hier wird Geld mit der Gießkanne an die Elternhäuser verteilt, das für einen ziel- und bedarfsgerechten Ausbau von Kindertageseinrichtungen und die Verbesserung der Qualität dringend benötigt wird." Die Studie belege, dass die Verbesserung des Krippenangebots auf dem Weg zu einem chancengerechten Bildungssystem "ein wichtiger und wirksamer Schritt wäre".

Grundlage der Studie sind Daten des Sozioökonomischen Panels über die Geburtsjahrgänge der von 1990 bis 1995 in Deutschland geborenen Kinder.

Quelle: APD/DDP

 
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