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3,6 Millionen Flüchtlinge – ist das zu schaffen?

Migration: 3,6 Millionen Flüchtlinge – ist das zu schaffen?
Es wächst die Einsicht, dass Europa sich mit seinen 500 Millionen Bürgern nicht abschotten darf. FOTO: dpa, awe jai cul
Meinung | Berlin. Die Zahl hat das Potenzial, Ängste und Sorgen bei vielen Deutschen zu verstärken. 3,6 Millionen Flüchtlinge bis 2020 in Deutschland? Wichtig bei der Bewertung ist, dass man die Zahlen ins richtige Verhältnis setzt. Von Gregor Mayntz

Wegen der "Nebenwirkungen" auf die aktuell emotional aufgeheizte Stimmung tut sich die Regierung so schwer mit der Bestätigung, dass sie intern mit einer halben Million pro Jahr rechnet. Im Schnitt. Mal mehr, mal weniger. Zusätzlich zu den 1,2 Millionen aus dem letzten Jahr.

Natürlich ist es eine gegriffene Zahl. So wie der Gastronom, der einen Kredit für seine neue Frittenbude haben will, den Banken auch einen Businessplan vorlegen und seine künftige Kundschaft schätzen muss, braucht auch jedes Bundesministerium eine Grundlage, für wie viele Menschen denn nun Asyl-Entscheider gebraucht, Wohnungen gebaut, Lehrer eingestellt werden müssen.

Die halbe Million war schon einmal in den 90er Jahren fast erreicht. Damals hatte sie ebenfalls zum Vorwand für ausufernden Fremdenhass und furchtbare Verbrechen gedient, die Politik in den berühmten Asylkompromiss getrieben. Der sah im Wesentlichen so aus, die anderen EU-Länder in die Pflicht zu nehmen und jeden Flüchtling dort hinzubringen, wo er zum ersten Mal EU-Territorium erreichte. Deutschland machte sich einen schlanken Fuß, auch dann noch, als Italien unter der Last zu leiden begann und verzweifelt nach Kontingenten für eine Verteilung in Europa rief. Das müsst Ihr selbst schaffen, lautete die Antwort der Deutschen.

Europa darf sich nicht abschotten

Deshalb hat es Angela Merkel jetzt auch so schwer, die anderen EU-Länder für etwas zu gewinnen, was Deutschland selbst so lange negiert und verhindert hat. Angesichts der größten Flüchtlingsnot in der Nachbarschaft seit Ende des Zweiten Weltkrieges wächst die Einsicht, dass Europa sich mit seinen 500 Millionen Bürgern nicht abschotten darf, und dass es einer Region von Frieden und Wohlstand, die sich zudem ihrer christlichen Traditionen und Werte rühmt, durchaus zuzumuten ist, den am meisten Verfolgten zu helfen. Am effektivsten in ihren jeweiligen Heimatregionen, aber natürlich auch in Europa selbst.

Die Zahl von 500.000 ist dabei nicht aus der Luft gegriffen. Sie wird im Wirtschaftsministerium bestätigt, zwar nur als "technische Annahme", aber als abgestimmt zwischen den Ressorts. Es war Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der schon im vergangenen Jahr klar sagte, dass Deutschland auch auf Dauer eine halbe Million Flüchtlinge verkraften könne.

Sie liegt auch gar nicht so weit von jenen 400.000 Flüchtlingen entfernt, die Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff auf umgekehrtem Weg errechnet hatte: Was schafft die derzeitige Infrastruktur seiner Städte und Gemeinden pro Jahr an Integration, und auf welche Zahl kommt man dann, wenn man das auf Deutschland hoch rechnet? Wer also in zusätzliche Kapazitäten investiert, kommt darauf, dass auch 500.000 Flüchtlinge pro Jahr unter die Devise "wir können das schaffen" fallen.

Zahlen sind relativ

Vor allem sollte man die Zahl ins Verhältnis setzen. In dem Zeitraum, in dem – vielleicht – 3,6 Millionen Flüchtlinge zu uns 80,7 Millionen kommen, werden nach den letzten Zahlen des Statistischen Bundesamtes 5,2 Millionen Menschen sterben, 4,0 Millionen Menschen geboren werden, es werden in dieser Zeit auch 4,1 Millionen Menschen aus Deutschland ins Ausland ziehen, davon allein eine dreiviertel Million Deutsche.

Und wie steht es um die Befürchtung, die christliche Identität in Deutschland könnte Schaden nehmen, wenn 3,6 Millionen Flüchtlinge kommen (darunter übrigens auch viele verfolgte Christen), im selben Zeitraum aber vermutlich 1,5 Millionen Deutsche aus der Kirche austreten? Es zeigt sich jedenfalls, dass in großen Ländern auch große Zahlen relativ sein können.

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