Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg: Minister in der Grauzone
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 16.02.2011 - 14:17Düsseldorf (RPO). Ein Rechtsprofessor spricht vom "dreisten Plagiat". Minister zu Guttenberg soll bei seiner Doktorarbeit geschummelt und sich fremdes geistiges Eigentum zu Eigen gemacht haben. Die Uni Bayreuth untersucht den Fall. Professoren beklagen seit langem eine wachsende "Copy&Paste"-Mentalität. Auch im Fall Guttenberg wird es eine Spurensuche in rechtlicher Grauzone.
Am Wochenende hatte der Bremer Jura-Professor Andreas Fischer-Lescano eine Rezension der Guttenbergschen Doktorarbeit schreiben wollen und dazu „routinemäßig“ geprüft, ob sich fremde Inhalte in der Arbeit finden, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Zu seinem eigenen Erstaunen wurde er fündig. Insgesamt acht Passagen aus Guttenbergs Dissertation "Verfassung und Verfassungsvertrag" fand er im Netz in anderem Kontext wieder, ohne dass das im Text des Ministers kenntlich gemacht worden wäre.
Später meldete sich auch noch die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu Wort. Guttenberg habe auch die Einleitung seiner Dissertation aus einem "FAZ"-Artikel abgeschrieben, ohne dies entsprechend zu kennzeichnen. Der einleitende Absatz der Arbeit decke sich fast wortwörtlich mit einem am 27. November 1997 erschienenen Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig.
Nun sind immer mehr Vorwürfe zu hören, die Guttenberg Dreistigkeit und ein Täuschungsmanöver vorwerfen. In einer noch nicht veröffentlichten Rezension der Fachzeitschrift "Kritische Justiz", die der Nachrichtenagentur AFP vorliegt, schreibt der Bremer Professor Fischer-Lescano, das Vorgehen Guttenbergs sei "so systematisch", dass schwer zu sehen sei, wie es noch mit der Promotionsordnung in Übereinklang gebracht werden könne. "Guttenberg schreibt gut und geschickt ab. Besser täuschen kann man gar nicht", sagte der Medienexperte Stefan Weber Welt Online. Sollten weitere abgekupferte Passagen entdeckt werden, müsse dem Minister der Doktortitel aberkannt werden.
Die Stellen, an denen sich ohne Nachweis wortgleiche Parallelen mit fremden Texten finden, umfassen demnach mehrere Seiten. Offensichtlich kopierte Abschnitte, die auch sueddeutsche.de dokumentiert, sollen aus der "NZZ am Sonntag" und einem Vortrag am Liechtenstein-Institut stammen. Der Verteidigungsminister selbst nennt die Vorwürfe abstrus.
Doktortitel fraglich
Der Plagiats-Experte und frühere Mitarbeiter beim Bundesverfassungsgericht, Dr. Felix Hanschmann, hält die Vorwürfe für sehr gravierend. Der Jurist, der sich ausgiebig mit der Guttenbergschen 475-seitigen Dissertation beschäftigt hat, sagte der "Leipziger Volkszeitung": "Es gibt vergleichbare Fälle, die von den Verwaltungsgerichten entschieden worden sind, und die sind fast durchgängig mit der Entziehung des Doktorgrades ausgegangen."
Ob Guttenberg womöglich der Doktortitel aberkannt wird, entscheidet jedoch vorerst kein Gericht, sondern die Universität Bayreuth. Als Reaktion auf die geäußerten Anschuldigungen verlangt nun die Universität Bayreuth von Verteidigungsminister zu Guttenberg eine schriftliche Stellungnahme zu den gegen ihn gerichteten Plagiatsvorwürfen.
Uni-Präsident Rüdiger Bormann sagte am Mittwoch nach einer Sitzung der Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft: "Wir werden die an der Universität Bayreuth vorgesehenen formalen Verfahrensschritte nutzen." Die Universität werde Guttenberg zu einer schriftlichen Stellungnahme auffordern.
Ein Sprecher der Universität sagte, die Vorwürfe würden geprüft. Und: "Wir nehmen das zur Kenntnis und wir nehmen das ernst." Zu inhaltlichen Fragen oder möglichen Konsequenzen wollte er sich nicht äußern. Guttenberg hatte die Arbeit 2006 an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät eingereicht und dafür die Bestnote summa cum laude erhalten.
Eigentlich tun es fast alle Studenten
Dass sich Studenten und Uni-Absolventen fremder Ideen bedienen ist alles andere als ein neues Phänomen. Seit mehr als zehn Jahren klagen Professoren über ein wachsendes Unrechtsbewusstsein unter Studenten. Tenor: Nie war es so leicht, sich mit einer Copy&Paste-Mentalität anderer Inhalte zu bedienen. Neun von zehn Studenten zeigen sich für derartige Mogeleien offen, ergab einmal eine Umfrage. In der Schule ist die Lage bereits vergleichbar. Für ein Referat lassen sich ohne eigenen Gehirnschmalz zu verwenden ganze Erörterungen aus Wikipedia kopieren. Schlechtes Gewissen – Fehlanzeige.
Lehrer und Uni-Dozenten wehren sich. Einige setzen spezielle Software ein, andere achten auf Unterschiede in der Stilistik, verdächtig alte Quellen. „Die ersten 19 Seiten waren wunderschön geschrieben, und dann kam der Bruch: Keine vollständigen Sätze mehr, komplett falsche Zeichensetzung“ berichtete einmal die Plagiats-Expertin Debora Weber-Wulff in einem Interview über ihre Erfahrungen.
"Dann ist der Doktortitel weg!"
Der Jura-Professor Ulrich Noack von der Universität Düsseldorf hat vereinzelt auch schon solche Erfahrungen gemacht. In einem Fall hatte ein Student versucht, ihm eine Arbeit aus den 70er Jahren unterzumogeln, die er dafür eigens als PDF digitalisiert hatte. Die altertümliche Sprache machte Noack jedoch stutzig. Das aber, darauf legt er im Gespräch mit unserer Redaktion Wert, war ein Einzelfall. Bei Dissertationen hat er derartige Betrugsversuche in 15 Jahren Berufspraxis noch nicht erlebt - auch weil sich die Themenstellungen oft nicht dafür eigneten.
Zum Fall Guttenberg möchte er sich nicht konkret äußern. Das sei Sache des Kollegen in Bayreuth. Doch lässt auch Noack keinen Zweifel daran, dass ein Doktorand, der mehrfach und wiederholt Passagen aus fremden Texten verwendete und dabei den Eindruck erweckt, die Inhalte seien von ihm selbst, mit dem Plagiatsvorwurf leben – und mit Konsequenzen rechnen muss: "Dann ist der Doktortitel weg!" Das zumindest gilt an der Fakultät in Düsseldorf, wo die Promotionsordnung entsprechende Strafen beinhaltet. Das Hochschulgesetz in NRW sieht zudem Strafen bis zu 50.000 Euro vor.
Betrug oder Schlamperei?
In Bayreuth liegen die Dinge jedoch anders, wie Noack erläutert. Dort verweisen die Regeln der Universität auf das bayerische Hochschulrecht. Darin trifft man auf den reichlich schwammigen Passus, dass einem der Doktortitel dann entzogen werden kann, wenn man sich als „unwürdig“ erweist.
Wer bewerten will, ob es sich bei einem Text nun um ein Plagiat handelt oder nicht, muss zunächst klären, ob es sich um Betrug oder Schlamperei handelt. Das aber ist oftmals eine Gratwanderung. Oftmals ist es schwierig, zwischen einem Plagiat und lediglich einem handwerklichen Fehler zu unterscheiden. „Grauzone“, stöhnt Noack, als er auf mögliche Kriterien für die Bewertung von derartigen Fällen angesprochen wird. „Wir müssen zwischen handwerklichen Fehlern und bewusster Täuschung unterscheiden“, sagt er. Hat der Autor es an Akribie mangeln lassen oder gibt er bewusst vor, Urheber fremder Inhalte zu sein?
Ohne fremde Inhalte geht es nicht
Hinzu kommt das charakteristische Merkmal der Wissenschaft, sich gerne mit sich selbst zu beschäftigen: Eine Arbeit, die etwas auf sich hält, muss den Forschungsstand wiedergeben, vorangegangene Veröffentlichungen zitieren und sich auf andere beziehen. „Wir sind ja nicht wie Robinson auf der Insel“, sagt Noack. Nur müsse die Bezugnahme auf andere eben auch als solche deutlich gemacht werden.
Mit all diesen Problemen werden sich auch die Prüfer in Bayreuth herumschlagen, wenn sie über Guttenbergs Dissertation beraten. Handwerkliche Fehler wollte der Minister am Mittwoch keineswegs ausschließen. Er sei gerne bereit zu prüfen, "ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten"; er würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen. Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle wies die Vorwürfe in der Münchner "Abendzeitung" ebenfalls als "absurd" zurück. "Die Arbeit ist kein Plagiat", betonte er.
SPD empfiehlt ein Vorgehen wie bei der "Gorch Fock"
Plagiats-Experte Hanschmann sieht das anders. Man könne natürlich, vor allem bei einer Arbeit von 475 Seiten, wie sie die Promotionsschrift von Herrn zu Guttenberg umfasse, "aus Unachtsamkeit Zitate vergessen", so seine Einschätzung. "Die Plagiate erstrecken sich aber in diesem Fall teilweise über mehrere Seiten, finden sich an verschiedenen Stellen der Arbeit und betreffen mehrere Fremdautoren.“ In mindestens drei Fällen seien die Quellen nicht einmal im Literaturverzeichnis der Arbeit aufgeführt, zitiert ihn die Leipziger Volkszeitung.
In der Politik schlägt die neue Affäre Guttenberg bereits hohe Wellen. Der bayerische SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher forderte Guttenberg auf, bis zur Klärung der Vorwürfe auf seinen Doktortitel zu verzichten. Er sagte in München, Guttenberg solle sich an seiner Haltung im Umgang mit der "Gorch Fock"-Affäre orientieren, wo er den Kapitän bis zur Prüfung aller Vorwürfe suspendiert hatte. Diesen Maßstab solle er nun auch an sich selbst anlegen.
Verschwörungstheorie in der CSU
Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis witterte bereits eine Verschwörung. "Er wird von allen Seiten angegriffen, weil er ein so hohes Ansehen in der Bevölkerung hat", sagte Geis der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung". "Deshalb sucht man überall, um ihn mit Dreck beschmeißen zu können. Guttenberg sei eine Lichtgestalt. Und die müsse runter vom Thron. Dass der Bremer Jura-Professor Fischer-Lescano enge Verbindungen zur SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung pflegt und als Linker gelten mag, dürfte Geis in seiner Theorie nur bestärken.
Die wohl süffisanteste Reaktion geht bisher wohl auf die Rechnung von Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Der erklärte: "Egal ob vorsätzliches Plagiat oder einfache Schlamperei: Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann."
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