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Missbrauch Ettal Panorama, ddp 2010-0303
  Foto: ddp, ddp
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Schulen, Internate, Familie: Missbrauch in geschlossenen Systemen

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 16.03.2010 - 09:40

Düsseldorf (RP). Der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen scheint besonders von geschlossenen Systemen begünstigt zu werden – wie Sportvereinen, Klosterschulen und Internaten. Auch Familien sind betroffen. Im Internet diskutieren Ehemalige, Schüler, Betroffene und Opfer.

In einem vielbeachteten Internetforum mit dem Namen "Misalla's Blog" schreiben Schüler und Altschüler, Opfer und Betroffene. "So eine Schande", kommentiert Leni in einem der über 1000 Beiträge und ist heilfroh, dass ihr Kind damals von der "Oso" abgelehnt wurde. Doch schon ist "Altschüler 74" zur Stelle und spekuliert über die Gründe, warum jener Sprössling einst nicht aufgenommen wurde. "Oso" sei keine "Puff-Schule", so Lisa ein paar Einträge später, und der Skandal kein Grund, die Schule "niederzumachen", meint die Bloggerin Eivvi.

In diesem Blog wird Vergangenheit aufgearbeitet, und in vielen Fällen ist es die eigene. Doch nicht immer führt das erfahrene Leid des sexuellen Missbrauchs auch zur Verurteilung. So überraschend mancher Blog-Beitrag auch sein mag, ungewöhnlich sind sie nicht.

Schattenseiten von geschlossenen Systemen

Sie dokumentieren die Schattenseiten von geschlossenen Systemen, die mehr oder weniger undemokratisch sind, in denen Erpressung und hoher Leistungsdruck herrschen, ein System aus Angst und Scham und Liebesentzug. Besonders die Scham spielt eine große Rolle. Viele Opfer, so der Psychiater und Theologe Manfred Lütz, geben lieber sich selbst die Schuld als dem "verehrten Lehrer".

Zugleich ängstigt es, als "Verräter" das System mit einer Anklage möglicherweise zu zerstören. Wird das Internat nach dem Bekanntwerden des Missbrauchs so noch weiter existieren?

Canisius, Ettal, Regensburg, Odenwaldschule – Internate sind Systeme mit solchen oder vergleichbaren Konstruktionen. Sie sind eine Welt für sich, sie sind Sonderfälle, sind die totalen Institutionen. Im Internat herrscht eine Art Familienstruktur, es gibt das System des Freundeskreises und das schulische System. Und all dies spielt sich hinter den Mauern der Einrichtung ab.

Zwar sind Internate nicht von vornherein Orte des sexuellen Missbrauchs; aber sie liefern mit ihrer geschlossenen Struktur in gewisser Weise Voraussetzungen für derartige Übergriffe. Das wissen auch Pädophile: "Alle Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, ziehen Menschen an, die missbräuchlichen Kontakt mit Minderjährigen suchen", sagt Lütz.

Internate als Parallelgesellschaften

Internate waren immer schon Parallelgesellschaften; die vielen Romane aus dem Inneren dieser Institutionen legen davon beredtes Zeugnis ab – in bedrückenden Büchern von Robert Musil und Hermann Hesse, Exzess-Erfahrungen auch von Benjamin Lebert in "Crazy".

Noch perfider funktioniert das geschlossene System in Familien, sagt Eckhard Pieper vom Kölner Verein "Zartbitter", einer Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Denn dort werden dem Kind die Übergriffe als ganz normal erklärt. Der Missbrauch wird zur Norm, schlimmer noch: zur Familiennorm erhoben.

Es gibt nach den Worten Piepers mittlerweile Kinder mit einem völlig sexualisierten Verhalten, die damit ihr Leben zu steuern versuchen. Und: Fast 90 Prozent der Missbrauchsfälle ereignen sich in Familien oder werden von Personen aus dem Bekanntenkreis des Kindes verübt. Die Angst vor dem bösen, fremden Mann ist also kaum begründet, sagt Pieper.

"Alle Väter sind Täter", hieß es radikal vor 20 Jahren. Inzwischen sind wir in einer nahezu "vaterlosen Gesellschaft" angekommen, so Lütz. Nicht selten wird dann der Lehrer oder der Priester als Vaterfigur projiziert. Eine solche Überhöhung aber ist nach Meinung des Psychiaters eine Zumutung – und für etliche eine Überforderung mit furchtbaren Folgen.

Quelle: RP

 
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