Nach Hetzjagd auf Inder: Mügeln - eine Stadt will ihren Ruf retten
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 23.08.2007 - 07:20Mügeln (RP). Berge von braunen Früchten sind das erste, was in Mügeln nach dem Passieren des Ortsschildes ins Auge fällt. Auf halbem Weg zwischen Dresden und Leipzig rechts ab, da liegt die sächsische Kleinstadt inmitten fruchtbaren, hügeligen, braunen Ackerlandes. Aber die beiden Apfelbäume am Ortseingang tragen unbeachtet ihr Obst, bis es überreif auf die Fahrbahn fällt.
Seit dem Wochenende hat es Mügeln zu weltweiter Beachtung gebracht, seit beim Stadtfest acht Inder geschlagen, verletzt, verfolgt und mit "Ausländer-raus!"-Rufen in einer Pizzeria belagert wurden, in die sie sich vor 50 auf sie eindringenden Menschen geflüchtet hatten.
Wie zum Trotz präsentiert sich die Hauptstraße des Städtchens mit dem inzwischen veralteten Hinweis-Transparent aufs Stadtfest. "Herzlich wilkommen!" steht immer noch da. Und das ist es auch, was die Bürger in allen Gesprächen betonen. Sie seien doch gar nicht so, wie sie nun in den Medien dastehen.
Der direkte Weg zum Rathaus ist unterbrochen. Kanalbauarbeiten. Im braunen Untergrund der Stadt ist etwas aufgebrochen, liegt nun offen. Doch das soll nur für die technische Ver- und Entsorgung der Häuser an der Ernst-Thälmann-Straße gelten. Nicht für die Bürgerschaft, die sich auf eine uralte und stolze Tradition beruft.
984 erstmals urkundlich erwähnt, ist die Historie überall präsent. Das Rathaus (Aufschrift "Suchet der Stadt Bestes") datiert von 1395, die Apotheke gegenüber von 1505, und selbst der Informationskasten der Mügelner Schützengesellschaft trägt die Aufschrift 1591. Mit solchen Daten kann Amarjit Singh nicht dienen. Seine erste Pizzeria hat er vor fünf Jahren an der Ampel gut hundert Meter vom Rathaus entfernt aufgemacht. Letztes Jahr ist er dann umgezogen in die frühere Fleischerei des Städtchens. Seit 2006 trägt sie, unmittelbar am Martkplatz gelegen, die Leuchtschrift "Picobello Pizzeria".
Und seit Montag steht sie unter Polizeischutz. Die Türe zum Innenhof ist notdürftig mit Spanplatten vernagelt, auch die Hintertür zwischen Küche und Gästetoiletten haben die brüllenden Horden eingetreten. Vier Polizisten hatten Mühe, den Mob auf Distanz zu halten, bis 70 Bereitschaftsbeamte eintrafen und das beendeten, was auch vier Tage danach noch nicht ganz klar ist. Zumindest für die meisten Bürger der Stadt. Diese teilen sich in drei Gruppen. Die einen stehen staunend am Markt für Kurzinterviews gerne Rede und Antwort.
Nein, gesehen hätten sie nichts, vielleicht das eine oder andere mal gedacht, und ja, natürlich, das sei schon abscheulich, was da geschehen sei. Dann gibt es diejenigen, die jedem Mikrofon und Schreibblock aus dem Weg gehen und nur schimpfen, dass hier eine "ärgerliche Sache" unglaublich "aufgebauscht" werde. "Hört das denn gar nicht mehr auf?!" Und dann gibt es die, mit denen der Fremde mit viel Geduld und Sichern absoluter Anonymität ins Gespräch kommt und die dann zwischen Verzweiflung und Angst schwanken.
Verzweiflung über den verheerenden Ruf, den das geliebte Mügeln nun auf lange Sicht bekomme, wo doch ohnehin schon kaum Arbeitsplätze existierten, die meisten Jungen in den Westen oder die sächsischen Großstädte abgewandert seien und nun wohl auch die letzten Touristen für die örtliche Schmalspurbahn, den "wilden Robert", ausfielen, weil sie einen Bogen um die vermeintlichen "Ausländerhasser" machen würden.
Das hätten sie doch nun wirklich nicht verdient, sie, die Wendeverlierer, die doch eigentlich gar nichts gegen die Inder hätten, die bei Singh doch auch selbst mal einen Döner oder eine Pizza essen gingen. Das müsse doch erst mal restlos aufgeklärt werden, bevor die Weltöffentlichkeit den Stab brechen dürfe. Den Stab über Mügeln. Pause. Nachdenken. Vorsichtiger Blick rechts, vorsichtiger Blick links. Dann etwas leiser: "Aber ganz aufklären, das wird wohl nicht klappen."
Warum? "Na überlegen Sie doch mal." Der Blick geht nach unten, die Stimme wird noch leiser. "Hier kennt jeder jeden, weiß doch jeder, wo der andere wohnt. Und wenn dann jemand sagt, wie es war... - also ich habe nichts gesehen, aber wenn ich was gesehen hätte, würde ich doch auch nichts sagen. Die wissen dann doch sofort, wer sie verraten hat und da hätte ich doch viel zu viel Angst, dass mir was passiert." Am Abend werden sie hören, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel zu mehr Zivilcourage aufruft. Und sie werden an ihre Wohnung denken, an ihr Häuschen, und dass sie keine Lust auf eigeworfene Fensterscheiben oder Schlimmeres haben.
Der Schrecken vom Vorabend steckt ihnen noch in den Gliedern. Da waren rund 200 Antifaschisten, teils vermummt, wie aus dem Nichts aufgetaucht, durch die Straßen gezogen, hatten "Schämt Euch!" gerufen und überall ihre Aufkleber hinterlassen. "Das können die mit uns doch nicht machen, wir sind doch hier nicht Berlin oder Rostock!" Negieren, Verdrängen, Wegducken - vor diesem Hintergrund des Verhaltens seiner Bürger tritt Bürgermeister Gotthard Deuse immer wieder tapfer vor die Kameras.
Natürlich hat das FDP-Stadtoberhaupt keinen Imageberater, keine PR-Experten, um den Botschaften aus seiner Stadt den richtigen Drall zu geben. Er sagt, was er fühlt. Dass es "natürlich" keine rechtsextremistische Szene in Mügeln gebe. Vielleicht seien die Täter ja aus anderen Städten angereist, steht als erste Vermutung im Raum. Und der rechtsradikale Hintergrund gehört sowieso in Frage gestellt.
Als dann die Staatsanwaltschaft nach zahlreichen Verhören mitteilt, dass es die ausländerfeindlichen Rufe tatsächlich gegeben hat, ja, dass zwei junge Männer aus dem Ort (21 und 23 Jahre alt) nun des Landfriedensbruchs verdächtigt werden, beteuert Deuse, dass dies keinesfalls organisiert gewesen sei, und manche Worte einem "schon mal über die Lippen kommen" könnten.
Mit diesem Abwiegeln zieht er jeden Tag mehr Kritik auf sich. Er, der es Mitte der 90er schon einmal in Sachen Rechtsextremismus auf die Titelseiten der Boulevardblätter geschafft hatte. Damals, als er in einem Stadtteil pöbelnden Neonazis entgegengetreten und sie herzhaft in die Schranken gewiesen hatte. Das war auch bei einem Stadtfest. Er der Held gegen Rechts. Und nun das! Aber was er sagt und wie er es sagt, findet es die Zustimmung der Mügelner. Diese regen sich bereits über die verbreitete Formulierung auf, dass die acht Inder "durch die Straßen gejagt und gehetzt" worden seien.
"Schauen Sie es sich doch selbst an: Die Pizzeria liegt nur auf der anderen Straßenseite." Zumindest das ist für die Mügelner der Beleg, dass auch der Rest "aufgebauscht" sei. Nicht so für Torsten Fischöder und seine Mitstreiter im Anti-Nazi-Netzwerk von Döbeln, der 15 Kilometer entfernten Nachbarstadt. Für ihn ist der Vorfall in Mügeln nur ein weiterer Beleg für die Gewalt der Rechtsextremisten in der Region. Und er kann zahlreiche Beispiele für einschlägige Vorfälle nennen. Anschläge, Überfälle im Wechsel mit selbstbewussten Aufzügen der gewaltbereiten Kameradschaften.
Zwei Mal hätten diese schon das "Café Courage" in Döbeln heimgesucht. Heute wird das Café im Mittelpunkt der Medien stehen. Denn dann wollen die indischen Opfer ihre Erlebnisse der Öffentlichkeit erzählen. Am Abend brennt im Mügelner Rathaus Licht im Sitzungssaal unten rechts. Der Bürgermeister hat zu einer Sondersitzung des Stadtrates gerufen. Aufklärung für alle? Er winkt ab: "Das ist nichtöffentlich."
Die Politiker lassen sich vom Polizeichef auf den neuesten Stand der Ermittlungen bringen. Wenn sie durch die Fenster schauen würden, könnten sie gegenüber wenige Meter entfernt die "Picobello Pizzeria" sehen. Sie tun es nicht. In Mügeln ist in diesen Tagen nichts picobello.
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