Landtagswahl im Saarland: Müller verliert, Mehrheit für Rot-Rot-Grün
VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 30.08.2009 - 22:32Saarbrücken (RP). Der ehemalige SPD- und jetzige Linken-Chef Lafontaine hat seiner früheren Partei und seinem einstigen Staatssekretär Heiko Maas nach zehn Oppositionsjahren wieder eine Machtperspektive gegeben. Peter Müllers CDU hofft auf die Grünen oder auf eine große Koalition.
Am 5. September vor zehn Jahren hatte die SPD im Saarland die Regierungsmacht wegen Oskar Lafontaines abruptem Total-Abgang von der politischen Bühne im März 1999 an Peter Müller (CDU) verloren. Am Sonntag hat die Linkspartei im Saarland wegen Lafontaine ein zweistelliges Ergebnis erzielt. Mehr als 20 Prozent im Westen - das gab‘s noch nie. Auch der gewählte Vorsitzende der Saar-Linken, Ex-SPD-Gewerkschafter Rolf Linsler, der sogar den Parteischriftzug am Hemdkragen trug, weiß: Diese erhofften, von den Saar-Linken zuletzt nicht mehr erwarteten 20-plus-x hat „de Oskar” geholt, wie der zornige Alte hier heißt, der im Saarland von 1985 bis 1998 schon einmal Ministerpräsident und davor OB von Saarbrücken war. Lafontaine sieht einen klaren Regierungsauftrag für SPD und Linke im Saarland. Das Ergebnis „sagt etwas über den Wunsch der Bevölkerung aus, wer im Saarland regieren soll”, sagte Lafontaine im Saarländischen Rundfunk.
Lafontaine hat mit seinem Ergebnis die Saar-SPD klein gehalten und zugleich stark gemacht; klein, weil SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas sich gegenüber dem schwachen Resultat 2004 noch einmal verschlechtert hat; stark gemacht, weil eben dieser gerupfte Maas mit Hilfe der Linkspartei Regierungschef in Saarbrücken werden könnte. Wenn, ja wenn das Wörtchen wenn nicht wär‘. Denn SPD und Linkspartei benötigen zum Regierungsglück, sprich zur absoluten Mehrheit von 26 Landtagssitzen nur noch die drei Mandate, welche die Saar-Grünen gewonnen haben. Das ist eine weitere saarländische Besonderheit: Die kleinste Fraktion, die der Grünen, hat seit gestern die größte Macht. Grünen-Spitzenmann Hubert Ulrich freute sich diebisch über die Verhandlungsfreiheit. Prophete links, Prophete recht das Weltkind in der Mitten? Das Weltkind trägt an der Saar grün, Ulrich hat die Wahl zwischen „Rot-rot-grün” und „Jamaika”, wie analog zur Flagge des Karibik-Landes die Kombination „Schwarz, gelb-grün” heißt.
Junge, naturgemäß bedröppelt dreinschauende Wahlkampf-Helfer von CDU-Ministerpräsident Müller, gaben („Fix ist die Jugend mit dem Wort”) ihr Votum kurz nach der ersten Hochrechnung ab: Jetzt müsse man was ganz Neues machen, „Jamaika” eben. Müller, der laut Lafontaines barschem Befund „seine Chance hatte und gehen muss”, wird ab heute viel telefonieren. Er sprach nach außen gefasst von einer schmerzlichen Niederlage und rettete sich in die leise Hoffnung, als Repräsentant der immer noch stärksten Partei das Koalitions-Verhandlungs-Tempo bestimmen zu können. Müller sagte nicht etwa „Ich bin und bleibe Ministerpräsident”, aber er kündigte an, ab heute mit der SPD und mit FDP sowie Grünen Regierungsmöglichkeiten sondieren zu wollen. Bei Müller lugte der Wunsch nach einer stabilen Konstellation hervor, was bedeutete: große Koalition. Heiko Maas hingegen sagte in jedes Mikrophon, dass es dazu wohl kaum kommen werde.
„Rot-rot-grün”, „Jamaika”, große Koalition, dass das alles möglich ist, ließ das sympathische Bundesländchen im Südwest-Winkel der Republik für Stunden ins Zentrum bundesweiten Interesses rücken. Fast tausend Medienvertreter waren nach Saarbrücken gekommen: „Von München bis Hamburg, von überall her”, staunte Landtagssprecher Schaar. Die Organisatoren hatten befürchtet, die Menschenmassen täten dem soeben fein renovierten Landtagsgebäude an der Saar nicht gut; deshalb war man in die ältere, geräumige Congresshale ausgewichen, wo am 9. Juni 2006 gleich nebenan 3000 Fans beim Public viewing das WM-Eröffnungsspiel Deutschland-Costa Rica verfolgt und gefeiert hatten. Am Sonntag war politisches Public Viewing, In die Rolle der begeisterten Schwarz-Rot-Gold Fans schlüpften diesmal diejenigen, die Rot-rot-grün für etwas Tolles halten. Einen Autokorso durch Saarbrücken wie zum Start des Fußball-Sommermärchens von 2006 gab es gestern Abend nicht.
1985 hatte das Saarland eine politische Zäsur erlebt, als die SPD nach Jahrzehnten von CDU-Regierungen im Saarland den Ministerpräsidenten stellen konnte. 1999 folgte eine weitere Zäsur: Nach 14 Jahren Opposition kam wieder die CDU an die Regierung. Und nun ein weiterer Einschnitt, nach nur zehn Jahren? Oskar Lafontaine will nicht zurück in den Saar-Landtag, aber er möchte sich als Koalitionsschmied „anfangs noch ein wenig einmischen”. Wenn dann tatsächlich Lafontaines ehemaliger Landesumwelt-Staatssekretär, der junge Maas, dessen Nach-Nach-Nachfolger würde, dann, so formulierte es der alte Parteiwechsler Lafontaine, sei es ihm eine Freude, dass durch sein Engagement die Saar-SPD wieder eine Machtperspektive habe.
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