Kundgebungen zum 1. Mai: Müntefering mit Eiern beworfen
zuletzt aktualisiert: 01.05.2005 - 14:09Duisburg (rpo). Trotz seiner Kapitalismuskritik ist der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering während seiner Ansprache zum Tag der Arbeit am Sonntag in Duisburg mit Eiern beworfen worden. Nach Gewerkschaftsangaben haben an den traditionellen Mai-Kundgebungen in ganz Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen teilgenommen.
Der Eierwerfer habe zwar versucht zu fliehen, sei aber wenige hundert Meter vom Kundgebungsort festgenommen worden, teilte die Polizei mit. Der SPD-Vorsitzende wurde aber offenbar nicht getroffen. Von Sicherheitskräften mit Schutzschilden und Regenschirmen beschützt, setzte Müntefering seine von lautstarken Pfiffen und Buhrufen begleitete Rede ohne Unterbrechung fort. Auf Plakaten und in Sprechchören kritisierten die Zuhörer unter anderem die Arbeitsmarktreform Hartz IV und forderten deren Rücknahme.
An den traditionellen Mai-Kundgebungen in ganz Deutschland haben dieses Jahr nach Gewerkschaftsangaben mehr als eine halbe Million Menschen teilgenommen. Insgesamt habe man bis zum Mittag rund 530.000 Teilnehmer gezählt, sagte DGB-Sprecher Hilmar Höhn am Sonntag. Dies sei im Vergleich zum Tag der Arbeit vergangenes Jahr ein leichtes Plus, das auf die zugespitzte Lage in vielen Betrieben zurückzuführen sei. Die Belegschaften müssten sich gegen Forderungen nach Lohnkürzungen und längeren Arbeitszeiten zur Wehr setzen, und merkten, dass die Gewerkschaften sie dabei unterstützten, sagte Höhn. An fast allen Kundgebungsorten herrschte am Sonntag strahlender Sonnenschein.
DGB-Chef Sommer in Mannheim
Das war auch für DGB-Chef Michael Sommer bislang einmalig: Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes fuhr bereits am Sonntagmorgen von Heidelberg per Schiff auf dem Neckar nach Mannheim. "So schön bin ich noch nie zum 1. Mai gefahren", sagte er. Gleich nach dem Verlassen des Motorschiffs "Heidelberg" reihte er sich in die erste Reihe der über 7.000 Demonstranten anlässlich der zentralen Mai-Kundgebung in Mannheim ein.
Die Kundgebung war bestimmt von der Kapitalismusdebatte, die vor wenigen Tagen SPD-Chef Franz Müntefering mit seiner herben Kritik an der Profitgier deutscher Unternehmen ausgelöst hat. Doch der DGB hatte die Würde des Menschen schon vor den Äußerungen Münteferings in den Mittelpunkt des diesjährigen 1. Mai gestellt. Das Verhältnis zwischen der Bundesregierung und den Gewerkschaften ist seit längerer Zeit angespannt. Zuletzt hatte der DGB massiv gegen die Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Koalition Front gemacht. Bundeskanzler Gerhard Schröder war bei der Großkundgebung wie schon vergangenes Jahr wieder nicht mit von der Partie.
Sommer sagte, er sei nicht eingeladen worden, "weil wir die Erfahrung gemacht haben, es ist besser wir treten nicht zusammen auf." Die Leute würden das nicht verstehen. Im Zusammenhang mit Hartz IV sei zu viel passiert. Darüber könne nicht einfach der Mantel des Schweigens gelegt werden. Es sei ganz gut, dass die Gewerkschaften den 1. Mai als "Kampftag der Arbeit" allein machten, sagte Sommer. Der örtliche Funktionär der IG Metall in Heidelberg, Mirko Geiger, hätte es dagegen schon begrüßt, wenn Schröder in Mannheim geredet hätte: "Ich hätte es gut gefunden, wenn er sich mit seiner Politik den Kollegen gestellt hätte."
Sommer forderte in seiner kämpferischen Rede Konsequenzen aus der aktuellen Kapitalismus-Diskussion: "Jede Kapitalismus-Kritik hilft nur, wenn aus ihr die praktischen Lehren gezogen werden." Konkrete Taten seien gefordert, Nachbesserungen bei Hartz IV und den Ein-Euro-Jobs. Der DGB-Chef übte zudem erneut Kritik an der geplanten EU-Dienstleistungsrichtlinie. "Es ist gut, dass der Bundeskanzler das ganz offensichtlich erkannt hat", lobte er ein einziges Mal Schröder in seiner Rede, um im nächsten Satz gleich wieder auf die rot-grüne Bundesregierung verbal einzuhauen. Es gehe nicht an, dass der Bundeskanzler in einer Regierungserklärung eine höhere Besteuerung von Dividenden ankündigt und sein Finanzminister das ganz offenbar ignoriere.
Viel Beifall in gebeutelter Region
Sommer bekam für seine Rede viel Beifall der nach Gewerkschaftsangaben mehr als 7.000 Zuhörer in Mannheim, aber auch vereinzelte Pfiffe musste sich der DGB-Vorsitzende in der von Arbeitsplatzabbau gebeutelten Region anhören. Auf Plakaten machten die Teilnehmer ihrem Unmut über die schlechte Arbeitsmarktlage Luft: "Ausgepresst, wir fordern Verpflichtung des Kapitals." Oder auch: "Nicht abwenden, sondern zuwenden. Ich bin ein Mensch." Gerade die Region Mannheim ist in Baden-Württemberg besonders von Arbeitslosigkeit betroffen. Beim Kraftwerksbauer Alstom Power sind alleine bis zu 900 Stellen in Gefahr.
Die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Ute Vogt, die ebenfalls auf dem Schiff mitgefahren war, sagte, das Verhältnis der Sozialdemokraten zu den Gewerkschaften habe sich wieder deutlich verbessert. Sie verteidigte die von Müntefering geäußerte Kapitalismuskritik. Die Bundesregierung habe mit der Reformpolitik auch die Unternehmen entlastet, "nun darf man auch mal fragen, was diese dazu beitragen." Vogt wurde von den Kundgebungsteilnehmern mit Pfiffen und Buh-Rufen empfangen.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport,
Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder,
Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.