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Jubel und Trauer in Berlin
"Ein schwerer Tag für die SPD"

NRW-Wahl trifft Schulz: "Ein schwerer Tag für mich persönlich"
Die NRW-Wahl gilt als Stimmungstest für die Bundestagswahl im September – entsprechend ernst nehmen die Parteien die Ergebnisse in Berlin. Im Willy-Brandt-Haus der SPD herrschte Grabesstimmung, bei der Union wurde gejubelt. Von Eva Quadbeck, Berlin

Es sind Geräusche, die Menschen normalerweise unter körperlichen Schmerzen von sich geben. "Ahhh" - so stöhnen sie, als der rote Balken um 18 Uhr bei 30,6 Prozent stehen bleibt. "Uuhuh" machen die Genossen, nachdem der schwarze Balken auf 34,3 geklettert ist und die Grünen bei sechs Prozent hängen bleiben. Im Willy-Brandt-Haus herrscht eine Stimmung wie bei einem Begräbnis. Vielen verschlägt das niederschmetternde Ergebnis im Stammland der SPD die Sprache.

Eine Berliner Sozialdemokratin trifft erst eine Viertelstunde nach der ersten Hochrechnung in der Parteizentrale ein. Da stehen die Genossen gerade betroffen vor den Bildschirmen und lauschen Hannelore Kraft, die ihre Niederlage einräumt. "Nein", sagt sie. "Das ist doch nicht wahr." Als Kraft dann nachsetzt und auch den Rücktritt von ihren Parteiämtern erklärt, schallen auch aus dem Atrium der Parteizentrale "Nein"-Rufe.

Schock im Stammland

Die SPD fällt am Abend der NRW-Wahl kollektiv in einen Schockzustand. Bis zum Schluss haben die Sozialdemokraten fest geglaubt, dass es zwar knapp wird, Kraft am Ende aber die Nase vorne haben werde. NRW ist das Stammland der SPD. Nun hat es offensichtlich Schwarz-Gelb geschafft.

"Jetzt müssen wir die Backen zusammenkneifen", "Wir hätten halt doch früher mit Inhalten kommen sollen" – so zischelt es an den Stehtischen. Die Mienen sind versteinert. Mit eben jenem Gesichtsausdruck erscheint Martin Schulz kurz nach Krafts Rücktrittserklärung. Er räumt eine "krachende Niederlage ein" und sagt: "Das ist ein schwerer Tag für die SPD. Es ist ein schwerer Tag auch für mich persönlich." Er vergleicht die Niederlage mit einem "Leberhaken" beim Boxen und versucht seinen Anhängern zugleich Mut zu machen, dass es erst jetzt um die Bundestagswahl gehe. "Am 24. September wird abgerechnet." In den wenigen Minuten, in der er spricht, sagt er viele kernige Sätze, einen Kurswechsel oder eine inhaltliche Richtung gibt er nicht vor.

Zuvor hatte Schulz mit Kraft telefoniert und ihr am Telefon versichert, dass sie eine "ganz herausragende" Sozialdemokratin sei. Er lobt ihre "Größe" in der Niederlage und ihren Einsatz für die Partei. Der Wahlabend soll nicht die Stunde der Selbstkritik sein.

"Wir bleiben auf dem Boden"

Bei der Union hingegen ist man bemüht, den Triumph nicht allzu offensichtlich auszukosten. Um kurz vor 18 Uhr stehen die Wahlkämpfer der Jungen Union bereits bereit, um in frenetischen Jubel auszubrechen. Kanzleramtsminister Peter Altmaier, der in der CDU-Parteizentrale jetzt ein eigenes Büro hat, um dort das Bundestagswahlprogramm zu schreiben, sagte vorsichtshalber: "Wir bleiben auf dem Boden."

Das ändert sich um 18 Uhr. Da reißt es alle CDU-Anhänger von den Stühlen . Schon bei den Stimmenverlusten der SPD, erst Recht bei dem großen Zugewinn der NRW-CDU und dann noch einmal Riesenapplaus bei dem glänzenden Abschneiden der FDP. Lautes Stöhnen, als die Linken im Landtag gesehen werden. Die Neigung zu Schwarz-Gelb ist ungeschmälert. Besonders in Zeiten, in denen Gewinne für den Einen nicht mehr Verluste für den Anderen bedeuten, sondern beide einen großen Satz nach vorne machen.

Das erste Wort im Konrad-Adenauer-Haus hat der per TV zugeschaltete Wahlsieger Armin Laschet. Generalsekretär Peter Tauber lässt dann auch Hannelore Kraft den Vortritt, ihren Rücktritt als SPD-Landeschefin und Parteivize zu erklären. Dann tritt er mit einem "Wir haben die Herzkammer der SPD erobert" vor die begeisterten Anhänger. Seine Glückwünsche gelten allen Wahlkämpfern in NRW, vor allem aber dem "künftigen Ministerpräsidenten Armin Laschet".

Und dann zieht der Unionsmann eine große Klammer, bindet die innere Sicherheit, die marode Infrastruktur und Defizite in der Bundespolitik als "richtige Themen" zusammen, mit denen Annegret Kramp-Karrenbauer im Saarland, Daniel Günther in Schleswig-Holstein und nun Armin Laschet in NRW gewonnen hätten. Im Überschwang der Gefühle fällt gar nicht auf, dass die CDU im Saarland ja längst regiert hatte. Tauber steht für einen neuen, effizienten Haustür-Wahlkampf, und deshalb vergisst er auch nicht, sich für den Einsatz der CDU-Mitglieder zu bedanken, die allein in den letzten Tagen vor der Wahl 30.000 Haushalte persönlich aufgesucht hätten.

Ein Mitarbeiter eines CDU-Abgeordneten erinnert sich an die Stimmung zu Jahresbeginn. "Keine Schnitte" werde seine Partei wohl bei den drei Landtagswahlen bekommen, dann sei das Saarland gekommen, habe Annegret Kramp-Karrenbauer die Stimmung in der letzten Woche vor der Wahl drehen können. "Da ist was passiert", sagt er. "Aber was?" Manche können es selbst nicht fassen, dass es der CDU gelungen ist, den übermächtig scheinenden Schulz-Effekt als Knalleffekt zu entlarven.

 
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