Bad in der Menge blieb aus: Obama in Dresden - ein Kurzauftritt
VON ANDRE SCHALL - zuletzt aktualisiert: 05.06.2009 - 14:54Dresden (RPO). Ganz Dresden hatte Barack Obamas Auftritt entgegengefiebert, doch für das von den Bürgern erhoffte Bad in der Menge blieb dem US-Präsidenten keine Zeit. Ein Treffen mit Angela Merkel im Grünen Gewölbe, Pressekonferenz im Hof des Residenzschlosses, danach noch eine Besichtigung der Frauenkirche - der mächtigste Mann der Welt eilte förmlich durch Sachsens Landeshauptstadt.
Um kurz nach halb zwölf war alles vorbei. Da setzte sich die Autokolonne des US-Präsidenten vor der Frauenkirche wieder in Bewegung - und rauschte in Richtung Hotel davon. Bevor Obama in seine Limousine (genannt "The Beast") stieg, hatte er den jubelnden Schaulustigen hinter der Absperrung noch kurz lächelnd zugewunken - dann drängten ihn seine Berater aber zur Eile.
Denn für den Geschmack von Obamas Termin-Managern hatte sich der US-Präsident beim Rundgang im traditionsreichen Bauwerk schon beinahe zu viel Zeit gelassen. Der US-Präsident ließ sich die Architektur der Frauenkirche ausführlich erklären, lauschte dem Kammerchor und sprach mit Angela Merkel sogar ein Gebet. Ein Abstecher zu den Zuschauern musste da offenbar kurzfristig gestrichen werden, um den Zeitplan nicht noch weiter zu verzögern.
Obamas Tag im LIVE-Ticker
Wir berichten bis zur Abreise des US-Präsidenten am Abend in unserem LIVE-Ticker laufend aktuell vom Deutschland-Besuch Obamas. Dazu gibt es ständig aktuelle Bilder.
Kleiner Trost für die Menge: Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm sich ein paar Minuten Zeit, sich mit den Zuschauern an der Frauenkirche zu unterhalten und ein paar Hände zu schütteln.
Eintrag in Goldene Bücher
Nur knapp zweieinhalb Stunden lang war Barack Obama buchstäblich durch Dresden gewirbelt. Um 9.07 Uhr erschien der 47-Jährige vor seinem Luxus-Hotel Taschenbergpalais Kempinski und marschierte mit Angela Merkel frohgelaunt in Richtung Residenzschloss. Es folgte ein Eintrag in die Goldenen Bücher von Stadt und Land - neben der Unterschrift setzte Obama auch den Satz "Greetings from the people of the United States" aufs Papier.
Daraufhin zogen sich der US-Präsident und die Kanzlerin zu einstündigen Beratungen ins Grüne Gewölbe zurück. Obama sprach von "konstruktiven Gesprächen." Bei einer Pressekonferenz im Schlosshof präsentierten die beiden Regierungschefs die Ergebnisse der Unterredung. Und die geben Grund zur Zuversicht.
So wollen Deutschland und die USA bei der Lösung dringender internationaler Probleme noch enger zusammenarbeiten. Der US-Präsident lobte Deutschland als "engen Freund und entscheidenden Partner". Im Mittelpunkt des Treffens hätten die Lage im Nahen Osten, die Situation in Afghanistan und Pakistan sowie die Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise gestanden. Gerüchte über Verstimmungen zwischen ihm und der Kanzlerin wies Obama als "wilde Spekulationen" zurück.
Naher Osten ein Schlüsselthema
Mit Blick auf den Nahostkonflikt betonte Merkel, Deutschland habe ein "großes Interesse" an Frieden in der Region und Sicherheit für Israel. Mit Obamas "bedeutender" Rede in Kairo gebe es nun eine "einzigartige Möglichkeit", den Friedensprozess neu zu beleben. Obama bekräftigte wie Merkel die Notwendigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung. "Der Zeitpunkt ist gekommen, wir müssen handeln", mahnte der US-Präsident. Israelis und Palästinenser seien gefordert, "schwierige Kompromisse" einzugehen.
Erneut sprach sich Obama für klare Fortschritte in der nuklearen Abrüstung aus. Unter Verweis auf das umstrittene iranische Atomprogramm sagte er: "Wir müssen ein nukleares Wettrüsten im Nahen Osten unbedingt vermeiden." Auch hier könne Deutschland "ein entscheidender Partner" sein. Zudem kündigte Obama an, im Sommer nach Russland zu reisen, um über die Reduzierung der Nukleararsenale zu verhandeln. "Wir sollten zu unseren Lebzeiten erreichen, die Gefahr zu verringern."
Merkel und Obama plädierten übereinstimmend dafür, tief greifende Konsequenzen aus der Wirtschafts- und Finanzkrise zu ziehen. "Diese Rezession kennt keine Grenzen", hob Obama hervor. Daher müsse die Aufsicht über Finanzmärkte verstärkt werden, damit es nie wieder eine solche Krise gebe.
Der US-Präsident versicherte zugleich, die Vereinigten Staaten wollten alles tun, um einen Aufschwung herbeizuführen. Im Übrigen freue er sich sehr, dass eine Lösung für den angeschlagenen deutschen Autobauer Opel erreicht werden konnte.
Keine US-Forderungen in Guantanamo-Debatte
Die Kanzlerin stellte den USA Hilfe bei der Schließung des umstrittenen Gefangenenlagers Guantanamo in Aussicht. "Wer ein gemeinsames Ziel hat, wird zum Schluss auch gemeinsame Lösungen finden", sagte Merkel. Konkrete Zusagen machte sie aber nicht. Obama will das Lager auf Kuba zum 22. Januar kommenden Jahres schließen.
Obama sagte, Merkel habe ihm "keine feste Zusagen" gegeben, die USA hätten aber auch nicht um solche gebeten. Schließlich sei die Schließung des Lagers eine "sehr komplexe Frage", die nicht nur Deutschland betreffe. Gesprochen werde hier auch mit der Europäischen Union. Dies brauche Zeit. "Ich gehe nicht davon aus, dass wir eine Lösung in den nächsten zwei, drei Monaten finden werden", sagte Obama.
Besuch in KZ Buchenwald
Am Nachmittag reiste der Präsident dann weiter nach Thüringen, wo er das frühere Nazi-Konzentrationslager Buchenwald besichtigen will. Obama sagte, er habe auch ein persönliches Interesse an diesem Besuch, da sein Großonkel bei der Befreiung der Außenstelle Ohrdruf dabei war. Der damals etwa 20-jährige Bruder seiner Großmutter habe den Schock darüber, was er dort gesehen habe, lange nicht verwinden können.
Gleichzeitig sei aber aus dieser Tragödie ein vereintes Europa hervorgekommen und ein Deutschland, das ein enger Partner Israels ist, betonte Obama. Merkel fügte hinzu, der gemeinsame Besuch dieser Gedenkstätte in einem vereinigten Deutschland zeige, "was Geschichte möglich macht, wenn genügend Menschen an die Freiheit glauben".
Am Abend soll Obama dann noch das US-Militärhospitals in Landstuhl in Rheinland-Pfalz besuchen, wo die bei Einsätzen im Irak und Afghanistan verletzte Soldaten versorgt werden. Der etwa 24-stündige Deutschland-Aufenthalt ist Teil einer Reise des US-Präsidenten durch den Nahen Osten und Europa. Am Samstag will Obama in Frankreich an den Feierlichkeiten zum D-Day teilnehmen, an dem an die Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie erinnert wird.
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