Operation bereits am Donnerstag: Oskar Lafontaine kämpft gegen den Krebs
VON MARTIN KESSLER - zuletzt aktualisiert: 17.11.2009 - 20:40Berlin (RP). Überraschung in Berlin: Der Chef der Linkspartei, Oskar Lafontaine, erklärt öffentlich seine schwere Krankheit. Er will sich schon am Donnerstag einer Operation in einer Klinik unterziehen. Ob er weiterhin politisch aktiv bleiben kann, wird sich frühestens im kommenden Jahr entscheiden.
Mit Verletzungen an der eigenen Person geht der Linken-Chef Oskar Lafontaine bisweilen sehr offen um. Über sein Attentat 1990 sprach der frühere SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat mehrfach freimütig. Am Dienstag erklärte der Saarländer ganz ungeschminkt, er werde sich Donnerstag zu einem seit längerem geplanten chirurgischen Eingriff in die Klinik begeben.
„Es handelt sich um eine Krebserkrankung. Nach überstandener Operation werde ich zu Beginn des neuen Jahres unter Berücksichtigung meines Gesundheitszustands und der ärztlichen Prognosen darüber entscheiden, in welcher Form ich meine politische Arbeit weiterführe”, sagte Lafontaine in Berlin.
Krankheiten bleiben tabu in Berlin
Krankheiten sind noch immer weitgehend tabu in der Hauptstadt. Nur selten bekennen sich Politiker zu schweren Eingriffen oder gefährlichen Erkrankungen. Schnell könnte zu viel Freimütigkeit die eigene Karriere beenden. Lafontaine brach Dienstag mit dieser Zurückhaltung. Zugleich gab er den Spekulationen nach der Ursache seines Rücktritts vom Amt des Linken-Fraktionsvorsitzenden eine neue Wendung.
Mehrere Zeitschriften hatten über eine angebliche Liebesaffäre mit der überzeugten Kommunistin Sahra Wagenknecht als Ursache für die Aufgabe des Fraktionspostens spekuliert. Lafontaine und Wagenknecht wiesen die Gerüchte zurück und vermuteten dahinter eine politische Intrige. Unklar blieb, ob es sich dabei um eine Attacke des politischen Gegners oder um eine Verschwörung in den eigenen Reihen handelte.
Noch vor anderthalb Jahren war der heute 66-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion sehr zufrieden mit seiner Gesundheit. „Ich fühle mich richtig fit”, sagte der Linken-Politiker damals. Lafontaine war zu dieser Zeit der unerklärte Oppositionsführer im Bundestag trotz des Vorsprungs der FDP bei den Mandaten. Allerdings musste der Vollblutpolitiker dem Stress im Job offenbar schon damals Tribut zollen.
Er hatte mehrfach Herz-Kreislauf-Probleme, eine nicht nur unter Volksvertretern häufige Krankheit. In seiner geräumigen Villa bei Saarlouis, die im saarländischen Volksmund nur „Palast der sozialen Gerechtigkeit” heißt, steht schon länger ein Trimmfahrrad, das Lafontaine auch zeitweise regelmäßig nutzte.
Lafontaine wird länger ausfallen
Seine dritte Ehefrau Christa Müller (56) achtete zudem auf ausgewogene Ernährung und Bewegung. Häufig konnte man auf Parteitagen der Linken, deren familienpolitische Sprecherin im Saarland sie ist, Christa Müller dabei beobachten, wie sie ihren aufbrausenden Mann zu dämpfen suchte. Lafontaine wird nun für längere Zeit im hektischen Politikbetrieb ausfallen.
Zuletzt war nicht klar, ob er sich dabei mehr in der Bundeshauptstadt oder in seiner saarländischen Heimat aufhalten wolle. Im Wahlkampf jedenfalls war der Politiker das wichtigste Zugpferd der Linken im Westen und trug den größten Anteil an deren Rekordergebnis von 11,9 Prozent.
Der saarländische Politiker bewegt die deutsche Öffentlichkeit nun schon seit gut 30 Jahren. Unter den Spitzenpolitikern kann nur Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf eine ähnlich lange Zeit zurückblicken. Oskar Lafontaine war von Anfang an im Blickfeld der Medien. Unvergessen ist seine Attacke auf den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), dem er damals Sekundärtugenden bescheinigte, mit denen man auch ein KZ führen könne.
Schon 1979 wurde der damalige 36-jährige Saarbrücker Oberbürgermeister der Wortführer der Linken im Kampf gegen die Aufstellung der Mittelstreckenraketen in Europa und gegen die Kernkraft. Seitdem galt der „Enkel” der SPD-Jahrhundertgestalt Willy Brandt als größtes politisches Talent der Sozialdemokraten.
Die Einheit kam ihm dazwischen
Den Wahlkampf 1990 gegen einen selbst in der eigenen Partei umstrittenen Kanzler Helmut Kohl (CDU) hätte er wohl gewonnen, wenn nicht die Einheit Deutschlands dazwischen gekommen wäre. Hier schlug der sonst so instinktsichere Politiker den falschen Ton an und verlor. Auch das schlimme Attentat einer geistig gestörten Frau in Köln hatte seinen Anteil an dieser Niederlage.
Doch Lafontaine erholte sich von diesem Rückschlag. Schon Mitte der 90er Jahre war er mit Gerhard Schröder der stärkste Mann der SPD, 1995 entthronte und beerbte er mit einer fulminanten Rede den damaligen Vorsitzenden Rudolf Scharping. Die Kanzlerkandidatur, die auch ihn wahrscheinlich ins wichtigste Amt der deutschen Demokratie gebracht hätte, blieb ihm versagt. Sein Rivale Schröder überrumpelte ihn. Die dienende Funktion im Kabinett als Finanzminister hielt Lafontaine nicht lange aus.
Lafontaine kann kämpfen
„Er ist im Grunde immer Chef gewesen”, sah der damalige Wirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) als Grund für den überstürzten Rückzug des Saarländers 1999. Seitdem spricht die SPD vom Rachefeldzug des gescheiterten Sozialdemokraten. Erst schmetterte Lafontaine seine Kolumnen gegen seine einstige Partei, die angeblich vom Weg der Solidarität und sozialen Gerechtigkeit abgekommen wäre. Dann wechselte er 2005 ins Lager der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG), die auf seine Initiative hin schnell mit der postkommunistischen PDS zur Linkspartei fusionierte.
Lange Zeit als Frondeur beschimpft, gelang es dem glänzenden Strategen Lafontaine unzufriedene SPD-Wähler ins Lager der Linken zu lotsen. Seine stärksten Erfolge erzielte er im August 2009 im Saarland, wo er über 20 Prozent für seine neue Partei holte. Auch im Bundestagswahlkampf war Lafontaine voll im Einsatz und schonte seine Gesundheit kaum.
Auffällig blieb dann allerdings, dass er kaum zu Gremienterminen, ja nicht einmal zur konstituierenden Sitzung des Bundestags erschien. Schon ereiferten sich seine politischen Gegner, er ziehe eine Urlaubsreise in die Sonne seinen parlamentarischen Pflichten vor. Es war wie immer Lafontaine beherrschte die Medien.
Wie schwer Lafontaine erkrankt ist, war am Dienstag nicht auszumachen. Für die Diagnose Krebs gibt es Heilungschancen. Und Lafontaine kann kämpfen.
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