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Warum wir immer mehr "Habenwollen"
Die Gier in uns

Panama Papers: Die Gier in uns
Das Kino-Gesicht der Gier: Michael Douglas in "Wall Street". FOTO: dpa
Düsseldorf. Bürger geben ihr Geld in dubiose Briefkastenfirmen, um ihren Besitz zu mehren und Steuern zu vermeiden. Skrupel kennen sie nicht. Habenwollen ist ein wesentlicher Antrieb in unserer Gesellschaft - nicht nur bei Finanzen. Von Dorothee Krings

Nun reiht sich der Skandal um die "Panama-Papiere" und das Geschäft mit Offshore-Firmen bereits ein in die lange Kette von Enthüllungen zu Briefkastenfirmen, Steueroasen, Schwarzgeldkonten. Zurück bleibt der Eindruck, dass der Mensch ewig getrieben ist vom Streben nach mehr Besitz, vom Habenwollen um jeden Preis, von der Gier.

"Man nimmt nichts mit" und doch lässt die Gier uns nicht los

Um sein Geld möglichst schnell zu vermehren und möglichst wenig davon in Form von Steuern an die Allgemeinheit abgeben zu müssen, nehmen manche Leute hohe Risiken in Kauf und lassen moralische Überzeugungen hinter sich. Sie investieren in dubiose Firmen, akzeptieren, womöglich verbrecherische Netzwerke zu unterstützen, setzen ihren guten Ruf aufs Spiel. Dieses Streben hat etwas Trauriges, bedenkt man die Vergänglichkeit des Seins und damit die begrenzte Freude an allem Materiellen. "Man nimmt nichts mit", sagt der Volksmund. Und doch lässt die Gier den Menschen nicht los.

Womöglich hat das mit den ersten Erfahrungen zu tun, die ein jeder macht. Als Kind ist der Mensch hilflos, ein hochbedürftiges Wesen, das nach Nahrung und Zuwendung schreit, Schutz benötigt und beachtet werden will. Besitz anzuhäufen, kann eine Form sein, als Erwachsener Bedürfnisse zu stillen, die man in der Kindheit stark empfunden hat. Psychoanalytiker sprechen von Regression, vom Rückfall in kindliche Muster, der zur psychischen Stabilisierung des nicht gänzlich reifen Erwachsenen beitragen kann. "Auch der Hang zur Rivalität und die Freude am Triumph sind infantile Triebe, die durch das Anhäufen von Besitz befriedigt werden können", sagt der Psychoanalytiker Tilmann Moser, der ein Buch über die Korrumpierbarkeit des Ichs geschrieben hat.

In "Geld, Gier und Betrug" führt er aus, wie Menschen in einem "halbkriminellen Gesellschaftsklima" die moralisch bedenklichen Folgen etwa bei Finanztricksereien verdrängen, weil es ihnen Befriedigung verschafft, ihrer Gier nachzugeben. Daheim sind sie achtbare Familienväter oder -mütter, im abstrakten Geldgeschäft aber versuchen sie, möglichst viel für sich und ihre Lieben "herauszuholen". Auch wenn das gegen Gesetze und ihre eigentliche Moral verstößt.

Erst durch Leidensdruck kommt das Aufwachen

Erst wenn Leidensdruck entsteht, wenn gierige Menschen erkennen, dass sie vom Gedanken ans Geld beherrscht werden, oder wenn Nahestehende sie darauf stoßen, suchen sie manchmal nach Auswegen. "Oft kommt es dann zu Aussteigertum", sagt Moser. "Leute, die sich lange nur um ihren Reichtum gekümmert haben, kaufen sich plötzlich eine Finca, pflegen Tiere oder Gärten und spüren auf einmal, dass es ihnen viel mehr gibt, sich für Natur, Musik, Kunst zu begeistern."

Es scheint dann der alte Widerspruch auf von Haben oder Sein, den schon Erich Fromm in seiner berühmten Schrift Ende der 70er Jahre beschrieben hat. Dem Habenprinzip zu folgen, bedeutet nach Fromm, seine Energie und Leidenschaft auf den Erwerb und die Vermehrung von Eigentum zu verwenden. Der Einzelne kann darin seine Freiheit als Individuum voll ausleben. Doch die Existenzweise des Habens hat zur Folge, dass Menschen beginnen, alles als Ding zu betrachten. Selbst das eigene Ich wird zum Objekt des Besitzgefühls. Man ist nicht, sondern man hat - einen Namen, einen Körper, eine Ausbildung. Denken und Fühlen kreisen darum, sich neue Dinge anzuschaffen - und die lösen Freude aus, weil sie einen Gegenwert besitzen.

Dem Haben geht es um das Ding, dem Sein um das Erleben

Wer die Existenzweise des Seins wagt, denkt dagegen nicht an die Vermehrung von Werten, sondern lebt selbstgenügsam in der Gegenwart, genießt Ist-Zustände, sieht sich nicht als Objekt, sondern erlebt sich in lebendigen Bezügen zu anderen Menschen. Dem Haben geht es um das Ding, dem Sein um das Erleben. Das setzt Unabhängigkeit voraus, innere Reife und Vernunft.

Das Habenprinzip aber ist heute viel verbreiteter - weil es den ökonomischen Bedingungen der Gegenwart entspricht. Die beruhen auf dem Prinzip des Privateigentums; Profit und Macht spielen eine wesentliche Rolle. "Erwerben, Besitzen und Gewinnmachen sind die geheiligten und unveräußerlichen Rechte des Individuums in der Industriegesellschaft", schreibt Erich Fromm.

Das gilt auch noch für die Informationsgesellschaft, in der Flexibilität gefragt ist und die sozialen Verhältnisse immer flüchtiger werden. Doch je prekärer das Lebensgefühl und je mehr das Individuum zu verstehen bekommt, es sei ganz allein verantwortlich für das eigene Glück, desto naheliegender ist es, auf das Habenprinzip zu setzen, Besitz anzuhäufen, vorzusorgen - also Sicherheit zu kaufen für sich und die Seinen. Möglichst viel. Notfalls auch mit einem Konto in Panama.

Das "Habenprinzip" dehnt sich auf immer mehr Lebensbereiche aus

In Wahrheit ist also nicht die vermeintliche Zunahme an Gier beunruhigend. Es ist die Ausdehnung des Habenprinzips und damit auch der Gier-Logik auf immer mehr Lebensbereiche. Das Habenwollen beherrscht das Denken längst nicht mehr nur in Bezug auf Geld, sondern etwa auch in der Liebe, im Gesundheitssektor, in der Bildung. In all diesen Bereichen geht es vielfach nicht mehr um das, was ein Mensch verinnerlicht, was ihn formt und reifen lässt. Es geht um Nützlichkeit, Vermarktbarkeit, Gegenwert - und damit tendenziell auch darum, mehr davon an sich zu reißen als die anderen.

Gier ist zum Lebensprinzip geworden

So erleben wir den Konkurrenzkampf um die beste Kita, den begehrtesten Studienplatz, das Bett in der Spezialklinik. Nicht die Gier hat sich vermehrt, sondern die Felder, auf denen man mit ihr weiterkommt. Gier ist nicht mehr der Sündenfall, Gier ist zum Lebensprinzip geworden. Und das erscheint immer mehr Menschen naturgegeben. Gegen die Gier helfen also keine moralischen Appelle, sondern vielleicht eine Debatte darüber, was alles käuflich sein sollte. Und was nicht.

Quelle: RP
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