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Parteitag in Hannover
Der Machtkampf um die AfD-Parteispitze

Parteitag in Hannover: Der Machtkampf um die AfD-Parteispitze
Alexander Gauland und Jörg Meuthen werden die AfD führen. FOTO: rtr, IK
Bis 18.18 Uhr am Samstagabend schien alles zu laufen wie geplant. Stundenlang ging es auf dem AfD-Parteitag in Hannover um Formalitäten und marginale Satzungsänderungen, dann endlich um die Wahl der neuen Parteichefs. Dann wurde es spannend. Von Julia Rathcke, Hannover

Die eine Hälfte der gewünschten Doppelspitze ist schnell gesetzt: Jörg Meuthen, der die AfD seit Frauke Petrys Abgang allein anführt, soll es wieder sein. Auch der Platz an seiner Seite scheint klar: Alexander Gauland hatte sich kurzfristig mit dem Berliner Landes- und Fraktionschef Georg Pazderski geeinigt, ihm den Platz zu überlassen. Kampfkandidaturen also keine in Sicht, ein Kompromiss-Duo gefunden: Meuthen, der national-konservative Scharfmacher aus Baden-Württemberg, Pazderski, der in seinen Tönen gemäßigte Stratege aus Berlin, der schon jetzt die Fühler in Richtung Regierungsbeteiligung ausstreckt. Es ist viertel nach sechs, die Delegierten tagen seit acht Stunden und der wichtigste Tagesordnungspunkt kurz vorm Vollzug. Doch dann kreuzt Doris von Sayn-Wittgenstein alle Pläne.

Von Sayn-Wittgenstein, Chefin der AfD Schleswig-Holstein, tritt ans Rednerpult: hellblaue, hochgeknöpfte Bluse, grauer Blazer, die Haare streng, der Blick starr. Kampfkandidatur, also doch. Selbstverständlich habe sie ein sauberes Führungszeugnis, beantwortet sie die Standardfrage, "ich bin Sportschützin." Sie müsse zugeben, mal in der CDU aktiv gewesen zu sein, "aber da laut Justizminister Heiko Maas ja auch Mord verjährt, sei mir dies zu verzeihen". Seit 2016 sei sie AfD-Mitglied, unter Bernd Lucke hätte sie sich nie engagiert. "Ich will die patriotische Ausrichtung. Ich will nicht, dass wir in der Gesellschaft ankommen, das ist nicht mehr unsere Gesellschaft!" Die Sätze sitzen. Der Saal jubelt. "Do-ris, Do-ris, Do-ris" . Mit von Sayn-Wittgenstein hatte niemand gerechnet, nur einer blickt unter Applaus lächelnd zu ihr auf: Björn Höcke.

"Es gibt keine Spaltung"

Es gebe keine Lager in der Partei, keine Spaltung, keine Flügel, alles angedichtet von den Medien, betonen Gauland und Meuthen später auf einer Pressekonferenz. Die Kampfkandidatur zwischen Pazderski und von Sayn-Wittgenstein endet so knapp, dass kein Sieger ermittelt werden kann. Die Abstimmung wird wiederholt. Wieder ist es zu knapp. Die Spaltung Schwarz auf Weiß. Dass der  rechte Flügel um Höcke eine Kandidatin aus dem Hut zaubert, die die Personalie  Pazderski verhindert – damit hatte offenbar niemand gerechnet. Nervöse Gespräche auf der Bühne, bis Gauland ans Mikro tritt und um eine halbe Stunde Unterbrechung bittet.

Der 76-jährige Fraktionschef ahnt: Er muss es selbst richten. Bewusst hatte er es  bis zuletzt offengehalten, ob er antritt; in den vergangenen Tagen mal das eine mal das andere Gerücht gestreut und nicht dementiert. Am liebsten wäre er, vor allem angesichts seines Alters, Stellvetreter geworden, das sagt er am Ende nochmal auf der Pressekonferenz. Im Bundestag habe er genug zu tun, aber gerade weil er da die Flügel so gut eine, habe man ihn gebeten, das auch ab der Parteispitze zu tun. Und dann tut er es: "Ich lasse mich von vielen Freunden in die Pflicht nehmen", sagt Gauland, der beim ersten Durchlauf mit einfacher Mehrheit zum Parteichef neben Meuthen gewählt wird. Als einziger Kandidat. Sowohl Pazderski als auch Sayn-Wittgenstein zogen zurück.

Das neue Spitzenduo steht fest, offene Kritik gibt es nicht. Aber auch keine Jubelstürme. Es ist ein Rückschlag für das bürgerliche Lager, die auf Pazderski gehofft hatten. Auch wenn Gauland und Meuthen stets betonen, gut zusammenzuarbeiten und alle Meinungen integrieren zu wollen, eint sie vor allem eins: einen Ausschluss von AfD-Kollegen wie Björn Höcke würden sie beide nie vorantreiben.

 
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