Gesundheitsminister hat Bandscheibenvorfall: Philipp Rösler "hat Rücken"
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 27.04.2010 - 11:08Berlin (RP). Das Massenleiden Rückenschmerzen hat auch Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) erwischt. Ein Bandscheibenvorfall zwingt den 36-Jährigen zur Reha. Orthopäden sagen: Jeder zweite Deutsche ist betroffen.
In der Umkleide eines Berliner Fitnessstudios staunten die Gäste nicht schlecht. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) schlenderte in die Kabine, zog Shorts, T-Shirt und Turnschuhe an und machte sich auf den Weg an die Geräte. Seit einigen Wochen muss der 36-jährige Nachwuchsstar der FDP mit gezieltem Training die Muskulatur an der Wirbelsäule stärken und Entspannungsübungen machen. "Ein Bandscheibenvorfall", erklärt der junge Bundesminister, selbst Arzt. "Nichts Dramatisches, aber ich muss da jetzt was tun."
Wie Rösler geht es in Deutschland 60 Millionen Menschen. Rückenschmerzen sind ein Massenphänomen. Laut Krankenkassen leidet jeder zweite Erwachsene mindestens einmal jährlich unter Rückenschmerzen. Das Gesundheitssystem ächzt unter den Kosten von jährlich acht Milliarden Euro. So ist das von Komiker Hape Kerkeling ("Horst Schlämmer") in rheinischer Klarheit erdachte Bonmot "Ich habe Rücken" längst in den Sprachgebrauch der Deutschen übergegangen. Unter den Patienten sind Junge und Alte, Dicke und Dünne, Sportler und Faulenzer.
Hinzu kommt: Der Wandel der Arbeitsgesellschaft – mehr Schreibtisch-Jobs, weniger Bewegung – führt zu steigenden Krankenzahlen, wie Orthopäde Gerd Müller, Leiter des Rückenzentrums Hamburg und Mitautor der EU-Leitlinien für die Behandlung von Kreuzschmerzen, erklärt.
Was sind die Ursachen? "Rückenschmerzen können vielfältige Gründe haben", sagt Müller. Verspannungen der Muskulatur, die durch Bewegungsarmut entstehen, gehören dazu. Die Anomalie, eine verbogene Wirbelsäule oder eine von Geburt an bestehende Muskelschwäche der Wirbelsäule sind mögliche Ursachen. Der Bandscheibenvorfall sei ein besonderes Phänomen, erklärt Müller. Und keiner Altersgruppe zuzuordnen.
"Das ist etwas Schicksalhaftes, es kann jeden jederzeit treffen", sagt er. Experten setzen die Betroffenheitsquote mit dem Lebensalter gleich. Heißt: Die Wahrscheinlichkeit, dass der 36-jährige Gesundheitsminister Philipp Rösler einen Bandscheibenvorfall erleidet, liegt bei 36 Prozent. Entgegen der landläufigen Meinung sagen die körperliche Statur und die Sportlichkeit einer Person, nichts über die Gefährdung aus. "Leistungssportler haben seltener Rückenschmerzen, aber der Bandscheibenvorfall kommt genauso oft vor wie bei ,normalen' Menschen", so Müller.
Was passiert bei einem solchen Bandscheibenvorfall? Die Wirbelsäule ist ein flexibles Knorpelgewebe, das den Körper einerseits stützt und ihm Bewegungen ermöglicht. Die Bandscheiben haben zwischen den Wirbelkörpern die Funktion von kleinen Stoßdämpfern, die Stöße abfedern. Sind sie rissig oder "abgenutzt", kann es vorkommen, dass eine aufgequollene Bandscheibe auf einen Rückennerv trifft. Ein stechender Schmerz folgt – der Bandscheibenvorfall.
Training beim Krankengymnasten oder in einem Sportzentrum kann die Muskulatur stärken. Schmerzmittel und Spritzen helfen meist kaum. Beim "Hexenschuss" (medizinisch: Lumbago), dem plötzlich auftretenden Kreuzschmerz, der meist durch einen eingeklemmten Nerv hervorgerufen wird, ist das ähnlich. Er klingt nach fünf bis sechs Wochen ab – ohne Behandlung oder Operation.
Wie lange der Gesundheitsminister nun seinen Rücken trainieren muss, ist nicht bekannt. Als "Büroangestellter" sollte sich Rösler, der Arzt in Ministerwürden, allerdings regelmäßig bewegen, rät Orthopäde Müller. "Bewegung ist das beste Mittel gegen Rückenschmerzen."
Zwar spiele auch die Psyche eine Rolle. "Ängstliche Menschen haben Studien zufolge öfter Rückenschmerzen", sagt Müller. Doch für Philipp Rösler dürfte das kaum gelten. Wer sich als weitgehend regierungsunerfahrener Politiker in das von Lobbyisten- und Interessengruppen umzingelte Amt des Gesundheitsministers wagt, kann so ängstlich nicht sein.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum