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FDP-Chef erstmals im Geburtsland Vietnam: Philipp Rösler reist in fremde Heimat

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 15.09.2012 - 02:30

Berlin (RP). Erstmals reist der FDP-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Philipp Rösler in sein Geburtsland Vietnam. Doch eine persönliche Spurensuche meidet das einstige Findelkind. Seinen Geburtsort besucht er nicht.

Es gibt Anzeichen dafür, dass die Eltern von Philipp Rösler noch leben. Ilse Ewald, eine deutsche Krankenschwester, deutete dies neulich im Gespräch mit unserer Zeitung an. Ewald war in den 70er Jahren für die Hilfsorganisation Terre des Hommes im kriegsgeplagten Vietnam, kümmerte sich um Waisenkinder, die oft anonym von Taxifahrern, Freunden der Eltern oder US-Soldaten in den meist katholischen Waisenhäusern abgegeben wurden.

Die meisten der späteren Adoptivkinder seien aber als Babys direkt aus der Geburtsklinik aus den Händen verzweifelter, manchmal verletzter Mütter geholt worden, berichtet Ewald. Diese Mütter hatten sich in den Kriegswirren gegen die Erziehung ihrer Kinder entschieden, lebten heute aber noch in Vietnam. Vielleicht auch die Eltern des Jungen, der später als Philipp Rösler Vizekanzler der Bundesrepublik werden sollte.

Bisher ist bekannt, dass der FDP-Chef 1973 in einem Waisenhaus im vietnamesischen Khánh Hung (heute Sóc Trang) ankam, dort über Monate von katholischen Nonnen behütet und aufgepäppelt und später von einem Hamburger Bundeswehr-Piloten und seiner Frau adoptiert wurde. Heim-Ärzte hatten damals sein Geburtsdatum mittels einer Messung der Handwurzelknochen geschätzt und auf den 24. Februar 1973 festgelegt. Rösler wuchs in Niedersachsen, genauer in Bückeburg, auf.

An diesem Montag reist Rösler als Wirtschaftsminister erstmals beruflich in sein Geburtsland. Auf persönliche Spurensuche will er sich aber nicht begeben. Sóc Trang gehört nicht zu den Stationen seiner Reise. "Ich besuche Vietnam als deutscher Wirtschaftsminister, um unsere Unternehmen zu unterstützen", sagt der 39-Jährige. Eine "gewisses Maß an Emotionalität" sei dabei. Aber: "Deutschland ist meine Heimat, Vietnam nur ein kleiner Teil meiner Lebensgeschichte."

Philipp Rösler fühlt sich als Niedersachse, als Deutscher. Sein Adoptivvater Uwe Rösler sei  für ihn ein "leiblicher Papa", sagt der 39-Jährige. "Wenn einem nichts fehlt, dann sucht man auch nichts." Die Bindung von Philipp Rösler zu seinem Adoptivvater ist bis heute eng. Als Rösler vier Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. "Papa", wie Rösler seinen Vater auch öffentlich nennt, erzieht den Sohn alleine. Die Mutter wird später mit ihrer Tochter nach Chile auswandern, wo sie bis heute lebt.

So reist Philipp Rösler in diesen Tagen als Fremder in seine biologische Heimat. Schon einmal, 1996, war der FDP-Politiker in Vietnam. Auf Drängen seiner Frau Wiebke. Sie wollte die Wurzeln ihres Mannes kennenlernen, später den Kindern berichten können, woher ihr Vater kommt. Wie ein "besonders interessierter Tourist" sei er damals durch das Land gefahren, erinnerte sich Philipp Rösler einige Jahre nach dem Trip. Mit einem Bus waren Rösler und seine Frau durchs Land gereist. Auch damals mied er den Besuch in seinem wahrscheinlichen Geburtsort.

Das Waisenhaus in Sóc Trang, das in den letzten Kriegsjahren mehrere Hundert Waisenkinder aufnahm und ihnen eine Chance auf ein neues Leben ermöglichte, musste inzwischen einem Militärkrankenhaus weichen. Den Namen des Ortes änderten die Kommunisten nach ihrem Sieg gegen den Süden Veitnams. Erst durch einen Zeitschriftenartikel Mitte der 1990er Jahre wurde Philipp Rösler auf den Ort aufmerksam. Den Drang vieler Adoptivkinder, Licht in das Dunkel des ersten Teils ihres Lebens zu bringen, verspürt Rösler nicht. Herkunft und Heimat sind für Philipp Rösler eben unterschiedliche Welten. Und er will seinem Vater nicht das Gefühl geben will, dass ihm was gefehlt hat.

Im Herbst 2009 gratulierte die katholische Nonne Mary Marthe, die damals in dem vietnamesischen Waisenhaus gearbeitet und wohl auch Philipp Rösler gepflegt hatte, Rösler per E-Mail aus Vietnam zur Nominierung als Bundesgesundheitsminister. Der junge Minister fand das rührend, den Kontakt zu der heute 81-Jährigen Nonne hielt er aber nicht. Auch eine junge Frau aus Niedersachsen, die wie Philipp Rösler, als Adoptivkind aus Vietnam nach Deutschland kam und den Kontakt zu ihrem prominenten Landsmann suchte, traf Rösler nicht. Er hat das erste Kapitel in seinem Lebensbuch weitgehend zugeschlagen.

Als kleiner Junge stellte sich Rösler vor, er sei ein vietnamesischer Prinz. Ein Märchen reichte ihm als identitätsstiftende Erklärung. Was an ihm vietnamesisch sei, wurde Rösler mal gefragt. "Ein schmaleres Augenpaar, eine flachere Nase, schwarze Haare", sagte er. Mehr nicht.

Quelle: RP/csi
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