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Massenschlägerei löst Debatte aus
Polizei: Flüchtlinge nach Religion und Geschlecht trennen

Fotos: Polizeieinsatz wegen Prügelei in Flüchtlingsheim
Fotos: Polizeieinsatz wegen Prügelei in Flüchtlingsheim FOTO: Patrick Schüller
Berlin. Christen nicht zusammen mit Muslimen, Männer nicht mit Frauen unterbringen? Die Gewalt in Flüchtlingsheimen wie jüngst in Hessen löst eine neue Debatte über das Leben in Flüchtlingsheimen aus. Von Jan Drebes und Eva Quadbeck

Eine Massenschlägerei in einem hessischen Flüchtlingsheim hat Streit darüber ausgelöst, wie die Asylbewerber am besten unterzubringen sind - etwa getrennt nach Christen und Muslimen. Jörg Radek, Vizechef der Gewerkschaft der Polizei, sagte der "Welt": "Eine Unterbringung nach Religionen halte ich für absolut sinnvoll." Die Deutsche Polizeigewerkschaft sprach sich dafür aus, Frauen in den Flüchtlingsunterkünften von Männern zu trennen. "Das ist zu deren Schutz dringend notwendig", sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt.

Am Sonntag, als Bundespräsident Joachim Gauck die Deutschen auf Konflikte bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise vorbereitete, kam es zu einem Gewaltausbruch in einer Flüchtlingsunterkunft in Calden bei Kassel. 300 Albaner sollen sich mit 70 Pakistanern geprügelt haben. Die beiden Volksgruppen gingen mit Stöcken und Reizgas aufeinander los. 14 Menschen wurden verletzt, darunter drei Polizisten. Anlass war der Streit in einer Essensschlange zwischen einem 18-Jährigen und einem 80-Jährigen.

Nach Berichten der Polizei sind oft alltägliche Dinge Anlass für Streit, etwa die Belegung von Sanitäranlagen in überfüllten Einrichtungen. Der Streit eskaliere dann häufig ins Grundsätzliche, bei dem auch Religion und Weltanschauung eine Rolle spielten. Im Fall Calden ermittelt die Polizei nun wegen schwerer Körperverletzung.

In den vergangenen Wochen kam es in überfüllten Asyl-Einrichtungen immer wieder zu körperlichen Auseinandersetzungen unter Flüchtlingen. Streits, zu denen die Polizei ausrücken musste, gab es beispielsweise in Ellwangen und Heidelberg in Baden-Württemberg, im thüringischen Suhl sowie in Leipzig, Dresden und Heidenau in Sachsen. Schon in der vergangenen Woche wurden in Calden bei einer Auseinandersetzung mit Reizgas 60 Menschen leicht verletzt.

Die Sozialdemokraten zeigten sich eher skeptisch gegenüber der Idee, Flüchtlinge zu trennen. "Das Hauptproblem ist nicht die Ethnie oder die Religion, sondern die Zustände und die beengten Wohnmöglichkeiten", betonte SPD-NRW-Landesgruppenchef Achim Post. SPD-Vizechef Ralf Stegner sagte: "Man muss sensibel bei ethnischen Konflikten agieren, aber eine pauschale religiöse oder ethnische Trennung kann nicht die Lösung sein."

In der Union steht man einer möglichen Trennung nach Glaube und Herkunft offen gegenüber, sieht aber organisatorische Probleme: "Bei den derzeitigen Asylzahlen ist es für Länder und Kommunen extrem schwierig, überhaupt für adäquate Unterkünfte zu sorgen", sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Stephan Mayer. "Wo jedoch die Möglichkeit besteht, Konfliktpotenziale zu reduzieren, sollte man dies selbstverständlich tun."

Für Empörung sorgte gestern der Besuch des NPD-Mannes Udo Pastörs in einem Flüchtlingsheim in Horst in Mecklenburg-Vorpommern. Der rechtsradikale Politiker hatte diesen Besuch juristisch erstritten. Anschließend griff er "Asylbetrüger" verbal an. Er habe den Eindruck bestätigt gefunden, dass den Flüchtlingen ein Übermaß an sozialer Fürsorge zuteilwerde. "Davon können viele Deutsche nur träumen", sagte Pastörs. Union, SPD, Grüne und Linke widersprachen ihm und nannten seine Thesen zynisch und absurd.

Quelle: RP
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