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Bundesbank-Vorstand bangt um Job: Provokateur Sarrazin

VON EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 05.10.2009 - 20:53

Berlin (RPO). Das Vorstandsmitglied der Bundesbank, Thilo Sarrazin, muss nach beleidigenden Äußerungen über Ausländer um seinen Job bangen. In Berlin galt er einst als der Dieter Bohlen der Politik.

Der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin sorgt regelmäßig mit überspitzten Äußerungen für Empörung.  Foto: AP, AP
Der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin sorgt regelmäßig mit überspitzten Äußerungen für Empörung. Foto: AP, AP

Als Thilo Sarrazin noch Finanzsenator von Berlin war, galt er vielen als Dieter Bohlen der Politik. Seine Sprüche über Hartz-IV-Empfänger, Studenten oder Beamte waren scharf, verletzend und provokant. Beispiel aus dem Februar 2008: "Wenn man sich das so anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht."

Zuvor hatte er für diese einen Speiseplan zusammengestellt, mit dem er den Regelsatz von 4,25 Euro für Lebensmittel am Tag noch unterboten hatte. Den Vergleich mit TV-Entertainer Bohlen muss Sarrazin nicht scheuen. Wer bei der Internet-Suchmaschine "google" die Stichworte "Bohlen Sprüche" eingibt, kommt auf rund 40.000 Treffer.

Wer "Sarrazin Sprüche" eingibt, erzielt knapp 30.000 Treffer. Zu seinen Klassikern zählt die Forderung nach einer Reform der Sozialsysteme und zwar so, "dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann, was heute der Fall ist." Sarrazins rhetorische Zielscheibe sind meistens Hartz-IV-Empfänger. Seine Urteile pauschal. Zum Thema Heizkosten sagte er: "Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause, zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster."

In einem anderen Zusammenhang hatte er angeregt: "Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können."

Jetzt muss der Sozialdemokrat mit Neigung zur Rambo-Rhetorik um seinen Job bangen. Seit Mai dieses Jahres arbeitet er im Vorstand der Bundesbank. In seinem jüngsten Interview in der Kulturzeitschrift "Lettre International" hatte er in Deutschland lebende Türken beleidigt. Er sagte, die Türken eroberten das Land genauso wie die Kosovaren den Kosovo: durch eine höhere Geburtenrate.

Weiter meinte Sarrazin: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert." Die Bundesbank hatte sich umgehend von Sarrazins Äußerungen distanziert. Sarrazin hatte auch gesagt, dass "eine große Zahl an Arabern und Türken keine produktive Funktion hat, außer für den Obst- und Gemüsehandel".

In Berlin, wo er 2002 Finanzsenator wurde, hat er sich als knallharter Sanierer der hoch verschuldeten Metropole einen Namen gemacht. Sieben Jahre saß er als Finanzsenator in der rot-roten Regierung. Ihm gelang es, erstmals einen schuldenfreien Haushalt für das wiedervereinigte Berlin aufzustellen. Für die rot-rote Regierung war er mit seinen Verbal-Attacken allerdings eine Zumutung.

Mit seinen scharfen Formulierungen überzog er stets, stieß aber immer wieder ernsthafte Debatten an. Die Berliner hatte er besonders auf dem Kieker: "Nirgendwo schlurfen so viele Menschen in Trainingsanzügen durch die Straßen wie in Berlin", stellte er 2002 in seinem ersten Amtsjahr als Senator fest. Auch beim thema Bildung mischte er sich polemisch ein: "Bayerische Schüler ohne Abschluss können mehr als unsere in Berlin mit Abschluss."

Die einen feiern Sarrazin als einen, der unbequeme Wahrheiten ausspricht, um die sich andere Politiker drücken. Die anderen sehen in ihm einen zynischen Hetzer gegen Ausländer und Hartz-IV-Empfänger. Mit dem jüngsten Interview ist er offenbar zu weit gegangen.

Aus der SPD gibt es Forderungen nach einem Parteiausschluss. Das Landeskriminalamt prüft, ob Sarrazin die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten hat. Sarrazin, der sich inzwischen entschuldigt hat und beteuerte, er habe nicht einzelne Volksgruppen diskriminieren wollen, schwieg gestern zu seiner Zukunft.


 
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