Erinnerungen und Anekdoten: Rau besiegte Tante Uta
VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 23.05.2009 - 08:15Düsseldorf (RP). Erinnerungen und Anekdoten um die Bundespräsidentenwahlen: Am Anfang stand auch hier der listige Konrad Adenauer, der Theodor "Papa" Heuss durchsetzte.
August 1949. Konrad Adenauer, Großvater aller politischen Füchse, war noch nicht Bundeskanzler. Der 73-jährige führende Mann der CDU war jedoch fest entschlossen, es Mitte September zu werden. Der "Wundergreis" (Sebastian Haffner) hatte wichtige politische Freunde in sein Rhöndorfer Haus am Hang eingeladen, um sie mit List und Argumenten für Theodor Heuss, den Kopf der FDP, als gemeinsamen Bundespräsidenten-Kandidaten von Union und FDP zu gewinnen. Der Gästerunde leuchtete schnell ein, was der Gastgeber sagte: "Wenn Heuss zum Bundespräsidenten gewählt wird, wird er einen Mann von uns zum Bundeskanzler vorschlagen." Dass Adenauer mit "Mann von uns" sich meinte, war jedem ebenso klar wie die zwingende Logik des politischen Gebens und Nehmens, für die Adenauer warb.
Dennoch packten einige Strenggläubige doch noch Zweifel an der Person des erzliberalen Heuss. Sei der denn in religiösen Dingen auch gefestigt genug, fragten sie. Adenauer, ganz rheinischer Katholik, reagierte geschmeidig: Selbstverständlich könne man als Christ Heuss wählen, denn, so Adenauer: "Seine Frau geht zur Kirche, das reicht."
Was folgte: Professor Theodor Heuss wurde am 12. September 1949 in Bonn zum ersten Bundespräsidenten gewählt. Nach seiner Wahl jubelten ihm auf den Straßen in Bonn Zehntausende zu: Man hörte den Choral "Großer Gott, wir loben dich". Heuss' Ehefrau, Eleonore (Elly) Heuss-Knapp, gründete das Müttergenesungswerk. Als sie 1952 verstarb, trauerte ein Land um sie. Adenauer ordnete ein Staatsbegräbnis an – das erste für eine Frau in Deutschland.
So beliebt wie Heuss, im Volksmund "Papa Heuss", wurde keiner seiner Nachfolger. Bei der Wiederwahl 1954 erhielt der geistreich-verschmitzte Schwabe 88 Prozent der Stimmen. Typisch war seine Antwort auf Versuche, ihm zu einer dritten Amtszeit zu verhelfen: "Man darf die Verfassung nicht ändern, weil gerade ein netter Mann auf dem Markt ist."
Heuss favorisierte 1959 den SPD-Grandseigneur Carlo Schmid, einen der "Väter des Grundgesetzes", und Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, den "Vater des Wirtschaftswunders", als Nachfolger. Schmid kandierte und verlor. Erhard, den Adenauer gerne ins Präsidialamt weggelobt hätte, winkte ab. Daraufhin beschloss Adenauer, selbst Bundespräsident werden zu wollen. Nach nüchterner Einschätzung der Machtverhältnisse reifte in ihm beim Frühjahrsurlaub in Cadenabbia die Erkenntnis, reale Kanzlermacht sei besser als goldumrandete Ohnmacht. Gleichsam in letzter Minute präsentierte die Union Agrarminister Heinrich Lübke, einen rechtschaffenen, aber politisch blassen Sauerländer.
Lübkes Wiederwahl 1964 war das Werk des SPD-Strategen Herbert Wehner, der seiner Partei endlich Regierungsmacht verschaffen wollte. Und Lübke, dessen zweite Amtszeit vom Nachlassen der Kräfte umschattet blieb, war ein überzeugter Verfechter der Großen Koalition. Nachdem die SPD ihn stützte, konnte die Union ihn nicht fallen lassen. Die FDP nominierte Justizminister Ewald Bucher. Er scheiterte erwartungsgemäß gegen den Mehrheitskandidaten Lübke.
Auf Lübke folgte der erste Bundespräsident aus den Reihen der SPD: Gustav Heinemann. Der Essener und Ex-Justizminister wurde am 5. März 1969 im dritten Wahlgang mit nur relativer Mehrheit gewählt. Heinemann war der Kandidat einer neuen sozial-liberalen Mehrheit, die sich ein halbes Jahr später in der SPD/FDP-Bundesregierung Brandt/Scheel manifestieren sollte. Über der Ostpreußenhalle donnerten sowjetische MiG-Jäger aus Protest gegen die Präsenz der Bundesversammlung im Westteil der geteilten Stadt. Heinemanns Gegenkandidat Gerhard Schröder (CDU), der mit dem späteren SPD-Bundeskanzler namensgleiche Außen- und Verteidigungsminister der frühen Bonner Jahre, erhielt nur eine Handvoll Stimmen weniger als sein Mitbewerber.
1974 wurde der bisherige Außenminister Walter Scheel (FDP) gewählt. Mehrere Nierenstein-Operationen hatten es dem Solinger geraten erscheinen lassen, der aktiven Politik zu entsagen und lieber präsidialen Glanz zu genießen. Gegen den konservativen Karl Carstens (1979 bis 1984) nominierte die SPD eine Frau: Annemarie Renger, vormals Bundestagspräsidentin. Sie blieb chancenlos.
Scheels Gegenkandidat von 1974, Richard von Weizsäcker (CDU), wurde zehn Jahre später Präsident und blieb es bis 1994. Von Rhetorik und Habitus her schien er wie geschaffen fürs politische Oberstübchen. 1984 hatten die Grünen die in Rom lebende Schriftstellerin Luise Rinser aufgestellt. Sie hatte jedermann wissen lassen, dass sie alles möchte, bloß nicht gewinnen. Was ihr deutlich erspart blieb.
Roman Herzog (CDU) musste 1994 gegen vier Mitbewerber antreten: NRW-Regierungschef Johannes Rau (SPD), Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Jens Reich (Grüne), Hans Hirzel (Republikaner). Herzog siegte im dritten Wahlgang. Raus Lebenstraum erfüllte sich 1999. Diesmal standen weitere zwei Frauen zur Wahl – und verloren: für die CDU die thüringische Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski und für die PDS (heute: Die Linke) die leicht exzentrische Theologin Uta Ranke-Heinemann. Dazu ein politisch-familiäres Schmankerl: Rau hatte in Ranke-Heinemann nicht nur eine politische Gegnerin, sondern auch die Tante seiner Frau Christina besiegt.
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