| 17.30 Uhr

#RefugeesWelcome
Deutschland zeigt Menschlichkeit

Fotos: Deutschland heißt Flüchtlinge willkommen
Fotos: Deutschland heißt Flüchtlinge willkommen FOTO: dpa, shp hpl
Düsseldorf. Ein Sonderzug mit Flüchtlingen nach dem andern kommt in Deutschland an. Tausende Helfer nehmen die erschöpften Menschen freundlich in Empfang. An den Bahnhöfen spielen sich rührende Szenen ab. Für die Kinder gibt es Süßes. Heute Abend beraten in Berlin die Spitzen der Koalition über die Lage.

Was sich an diesem Wochenende in Deutschland abspielt, ist beispiellos. Tausende Flüchtlinge kommen. Die meisten aus Ungarn, wo sie unter teilweise elenden Bedingungen auf die Weiterreise gewartet hatten. Am Budapester Ostbahnhof hatten Flüchtlinge teilweise tagelang ausharren müssen. 

Wie viele es sind, ist noch nicht mit voller Klarheit zu sagen. Am Nachmittag ließ das Innenministerium in Berlin die Zahl 13.000 verbreiten, Stand Sonntag, 15 Uhr. Die Bundespolizei rechnet damit, dass es am Ende 17.000 sein werden. Doch mit Gewissheit kann zur Stunde niemand so genau sagen, wie viele Menschen noch unterwegs sind. Es könnten Hunderte oder noch Tausende sein, sagt ein Sprecher der Polizei in Österreich.

Nach Angaben der Bundespolizei reisten alleine über München 6900 Flüchtlingen in 26 Zügen nach Deutschland ein. Am Sonntag werden weitere Sonderzüge erwartet. Die Regierungen in Berlin, Wien und Budapest hatten angesichts der dramatischen Lage entschieden, die in Ungarn festsitzenden Menschen ausnahmsweise ohne bürokratische Hürden und Kontrollen einreisen zu lassen. Eine Ausnahme, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban betonten.

In Deutschland wurde der Hauptbahnhof in München zur ersten Anlaufstelle für die Menschen. Viele von ihnen waren erschöpft. Sie wurden von Hunderten Menschen mit Applaus empfangen. Freiwillige Helfer hatten Getränke und Lebensmittelpakete vorbereitet. Kindern reichten sie Süßigkeiten und kleine Geschenke. Fernsehbilder zeigen, wie sie mit ungläubigen Blicken zu den Helfern aufsahen. Der Empfang bewegt die ganze Welt. Auf Twitter wird schon am Samstagabend ein Video der BBC tausendfach geteilt.

In diesen Stunden sind alle bürokratischen Regelungen nur noch Papier. Stattdessen konzentrieren sich die Helfer aufs Ausruhen, essen, trinken und medizinische Versorgung. "Es geht hier primär um humanitäre Hilfe", sagt der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand. "Hier wird nicht mehr registriert." Dafür fehlen schlicht Zeit und Platz. Als Notquartier wurde in München binnen Stunden unter anderem eine Halle auf dem Messegelände vorbereitet. Platz für 3000 Menschen. 

Von München aus werden die Migranten mit Zügen und Bussen auf die Bundesländer verteilt. Es greift der Königsteiner Schlüssel. Er gibt vor, wer wie viele Menschen aufnimmt. Die meisten, etwa 20 Prozent, kommen nach NRW.

Ein Sonderzug mit bis zu 1000 Flüchtlingen fuhr in der Nacht aus München in Richtung Dortmund, ein anderer mit bis zu 700 Menschen nach Braunschweig. Auch in anderen Städten wie Saalfeld in Thüringen kamen Flüchtlinge an, teilweise wurden Züge direkt dorthingeleitet, ohne zuvor in München Station zu machen.

Auch in NRW ist die Hilfsbereitschaft riesig. In Düsseldorf staunt die Polizei: "Diese Begrüßung ist fantastisch. Auf jeden Flüchtling kommt mindestens ein Helfer", sagt ein Sprecher. In der NRW-Landeshauptstadt machen die Migranten Zwischenstation auf dem Weg nach Dortmund.  

Mehr als 1000 Flüchtlinge sind dort im Laufe des Tages mit dem Zug angekommen. Zur Begrüßung recken ihnen die Dortmunder Schilder entgegen. "Refugees Welcome!", steht darauf, unter dem Schriftzug prangt ein rotes Herz. "Welcome to Dortmund", heißt es anderswo. Über soziale Netzwerke koordinieren die Helfer aus der Zivilgesellschaft, wo noch welche Hilfsgüter benötigt werden. Viele macht die Hilfsbereitschaft stolz auf ihre Stadt und ihr Land.

Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange steht am Sonntag stellvertretend für viele Bürger der Stadt. Er schleppt eigenhändig Koffer die Stufen vom Bahngleis hinunter. Die völlig übermüdeten Frauen, Männer und Kinder, zumeist aus Syrien über Ungarn und München gekommen,, danken es ihm mit freundlichen Blicken. Manche haben Tränen in den Augen.

Auch NRW-Innenminister Ralf Jäger ist am Sonntag am Bahnsteig. Er geht davon aus, dass so viele Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen angekommen sind wie noch nie an einem Tag. "Danke Deutschland" heißt es auf einem Zettel, den ein Flüchtling nach seiner Begrüßung hochhält. Dass in der Nacht noch etwa 30 Rechtsextremisten am Bahnhof demonstriert hatten, gerät angesichts von so viel Menschlichkeit zur Nebensache.

Mit Hochdruck arbeiten nun Behörden, Hilfsorganisationen und Feuerwehr an Unterkünften. Laut Ministerium wurden in der Nacht zum Sonntag 1470 Plätze in 17 Einrichtungen für die via Ungarn kommenden Flüchtlinge bereitgestellt. So entstanden allein in der Polizeischule in Schloss Holte-Stukenbrock 500 Plätze. Bis Montag sollen weitere 1025 Plätze in 7 Unterkünften entstehen. An manchen Orten wurden die Kapazitäten aufgestockt, anderswo neue Plätze eher bezogen, einige Unterkünfte wurden neu geschaffen, hieß es.

Die Szenen gleichen sich bundesweit. Ob München, Dortmund, Düsseldorf oder Frankfurt und Hamburg - überall schallte Flüchtlingen an den Bahnhöfen Applaus entgegen. Es hat etwas von einer Bewegung, die sich über soziale Netzwerke im Internet spontan gefunden hat.

Unterdessen ringt die EU weiter um politische Lösungen. In der Debatte über eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen gab es am Wochenende beim EU-Außenministertreffen in Luxemburg kaum Fortschritte. Vor allem osteuropäische EU-Mitgliedsländer wehren sich gegen verbindliche Regeln. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker will am Mittwoch ein Konzept zur Verteilung von 120 000 weiteren Flüchtlingen auf EU-Staaten vorstellen.

Der Sprecher von EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte am Sonntag, es gebe derzeit keine Pläne, einen Sondergipfel zur Flüchtlingsfrage einzuberufen. Das Thema Migration werde beim nächsten regulären Gipfel Mitte Oktober auf der Tagesordnung stehen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich für eine grundlegende Reform der europäischen Flüchtlingspolitik innerhalb der EU ausgesprochen. "Ganz Europa ist entsprechend der Wirtschaftskraft und Größe des jeweiligen Landes gefordert."

In Berlin wollten am Sonntagabend die Spitzen der Koalition zusammenkommen. Bei dem Treffen im Kanzleramt soll unter anderem geklärt werden, wie viel Geld der Bund den Ländern und Kommunen für die Flüchtlingshilfe zusätzlich zur Verfügung stellen will.

Eine Auwahl berührender Momente an deutschen Bahnhöfen zeigt unsere Fotostrecke. 

(dpa AFP REU)
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.