SPD will Sarrazin loswerden: "Regeln des menschlichen Anstands verletzt"
zuletzt aktualisiert: 26.08.2010 - 17:20Düsseldorf (RPO). In der SPD wächst der Druck auf den umstrittenen Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin aus der Partei auszutreten. Am Donnerstag schaltete sich auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in die Debatte ein. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärte Kraft, Sarrazin verletze die Regeln des menschlichen Anstands. Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel fordert Sarrazin indes unmissverständlich zum Parteiaustritt auf.
Erstmals äußerte sich Kraft am Donnerstag zur Personalie Sarrazin. "Herr Sarrazin sollte sich dringend überlegen, ob die SPD noch seine Partei ist", sagte die Ministerpräsidentin unserer Redaktion. Sie persönlich finde, dass Sarrazin in der SPD "nicht mehr richtig aufgehoben ist". Wer Wehrlose beschimpfe, so Kraft, nur "um sein Buch besser verkaufen zu können, verletzt die Regeln des menschlichen Anstands und Umgangs".
Sarrazin: Deutschland schafft sich selbst ab
Sarrazin war von 2002 bis 2009 Finanzsenator in Berlin und sitzt inzwischen im Vorstand der Bundesbank. Er hatte zuletzt mit Interviewäußerungen und vorab veröffentlichten Passagen seines neuen Buches "Deutschland schafft sich ab" für Empörung gesorgt. So moniert Sarrazin unter anderem, die muslimische Einwanderung nach Deutschland habe den Staat "sozial und auch finanziell wesentlich mehr gekostet", als sie "wirtschaftlich gebracht" habe.
Auch Hessens SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel fordert seinen Parteikollegen zum Rücktritt auf. "Sarrazin würde sich und anderen einen großen Gefallen tun, wenn er sich ins Privatleben zurückziehen würde", sagte Schäfer-Gümbel dem Radiosender "HR1". Der Schaden in der SPD sei groß, weil Sarrazins Formulierungen inakzeptabel seien. "Aber leider ist es so, dass Dummheit und Bösartigkeit kein Ausschlussgrund aus der SPD sind", fügte der SPD-Landeschef hinzu.
"Unterbeschäftigter Bundesbanker"
Die SPD müsse jetzt sehr laut und deutlich erklären, dass die Aussagen von Sarrazin weder die Position der SPD seien, noch es jemals sein würden. Solche diskriminierenden und in Teilen auch rassistischen Äußerungen seien weder akzeptabel noch mehrheitsfähig in der Sozialdemokratie, betonte Schäfer-Gümbel.
Zuvor hatte sich bereits die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles in die Debatte eingeschaltet: "Sarrazin ist ein unterbeschäftigter Bundesbanker mit ausgeprägter Profilneurose - das allein wäre noch nicht bemerkenswert, aber er missbraucht den Namen der SPD." Nahles betonte: "Wer einzelne Bevölkerungsgruppen pauschal verächtlich macht und gegeneinander aufbringt, treibt ein perfides, vergiftetes Spiel mit Ängsten und Vorurteilen und hat mit den Werten und Überzeugungen der SPD rein gar nichts mehr zu tun."
Sarrazin legt nach
In neuen Auszügen, die die "Bild"-Zeitung am Donnerstag druckte, keilt Sarrazin erneut heftig gegen den Islam. In ganz Europa gebe es "mit guten Gründen" Vorbehalte gegen Muslime. "Bei keiner anderen Religion ist der Übergang zu Gewalt, Diktatur und Terrorismus so fließend." Die muslimische Migrantengruppe sei besonders stark "mit Inanspruchnahme des Sozialstaats und Kriminalität verbunden". Die "zum großen Teil arbeitslosen männlichen Familienoberhäupter" vermittelten ihren Söhnen Vorstellungen von einer "jederzeit gewaltbereiten Männlichkeit".
Zugleich bemängelt er das "Heiratsverhalten". Nur drei Prozent der jungen Männer mit türkischen Migrationshintergrund in Deutschland heirateten eine Deutsche. Als Erklärung hat Berlins Ex-Finanzsenator (SPD) unter anderem parat: "Die 'besseren' deutschen Mädchen lassen sich nicht auf jemanden ein, den sie im Bildungssystem als 'Loser' wahrnehmen."
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