Schweinegrippe wird zum Politikum: Regierung will Kassen zu Gratis-Impfung zwingen
VON EVA QUADBECK - zuletzt aktualisiert: 06.08.2009 - 20:52Berlin (RP). Die geplante Massenimpfung gegen die Schweinegrippe hat Streit zwischen Krankenkassen und Politik ausgelöst. Die Kassen fordern einen Steuerzuschuss oder höhere Beiträge ab 1. Oktober, um die Kosten von bis zu zwei Milliarden Euro tragen zu können. Das Bundesgesundheitsministerium wies diese Forderungen als "unangemessen" zurück.
Kommenden Mittwoch will das Kabinett eine Verordnung zur Massenimpfung verabschieden. Darin werden die Kassen zur Kostenübernahme verpflichtet allerdings zunächst nur für die ersten 25 Millionen Impfungen von chronisch Kranken, Beschäftigten im Gesundheitswesen sowie Polizei und Feuerwehr. Dies kostet rund 550 Millionen Euro.
Auch die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, die thüringische Ministerin Christine Lieberknecht (CDU) kritisierte die Kassen. "Krankenkassen sind keine Sparkassen. Die Kassen verfügen in diesem Jahr über einen Milliardenüberschuss. Daraus können die Impfungen finanziert werden."
Die Kassen hingegen argumentieren, dass "Gefahrenabwehr und Vorsorge für den Katastrophenfall" staatliche Aufgaben sind. Ob sie wegen der Impfungen einen Zusatzbeitrag erheben müssen, ließen Barmer, Techniker und AOK-Rheinland offen. Volkswirtschaftlich schätzt das Forschungsinstitut RWI den Schaden einer mittelschweren Pandemie mit 100.000 Toten auf bis zu 75 Milliarden Euro.
AOK fordert Impf-Sonntage
Zur Bewältigung der geplanten Massenimpfung gegen Schweinegrippe im Herbst schlägt die AOK indes vier "Impfsonntage" vor. Wie bei Wahlen sollten Schulen zur Verfügung gestellt werden, in denen die Impfungen stattfinden, sagte der Chef der AOK Schleswig-Holstein, Dieter Paffrath, dem "Flensburger Tageblatt" (Freitagausgabe). Nur mit einer solchen Organisation sei die Mammutaufgabe zu schaffen, 680.000 Schleswig-Holsteiner binnen kurzer Zeit zwei Mal zu impfen.
Die Dimension der Massenimpfungen werde vielfach unterschätzt, sagte Paffrath: "Es reicht nicht aus, wenn niedergelassene Ärzte am praxisfreien Mittwochnachmittag mal eben mit der Spritze ausrücken. Da muss ein ganz anderes Rad gedreht werden."
Sorge vor möglichen Nebenwirkungen
Die für Herbst geplante Schweinegrippe-Impfung von 25 Millionen Menschen in Deutschland kann stärkere Nebenwirkungen verursachen als die übliche Grippeimpfung. Darauf wies das für die Impfstoff-Prüfung zuständige Paul-Ehrlich-Institut hin.
Präsident Johannes Löwer nannte als Grund, dass in dem neuen Serum die Wirkstoffmenge pro Dosis drastisch verringert wird und zugleich beigemischte Verstärkersubstanzen die Wirkung erhöhen sollen. Nur so sei es möglich, sehr viel mehr Impfstoff-Portionen herzustellen als üblich, um wirklich alle Gefährdeten impfen zu können. Geimpfte müssten mit Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle rechnen, manche auch mit mehrtägigen Kopf- und Gliederschmerzen.
Löwer sprach sich dafür aus, auch Schwangere gegen die Schweinegrippe zu impfen. Alle bisher vorliegenden Daten zeigten, dass das H1N1-Virus bei ihnen "zu schweren Erkrankungen, Komplikationen und auch auffällig vielen Todesfällen führt", erklärte sein Institut. Gleiches gelte für chronisch Kranke wie etwa Asthmatiker, Diabetiker und auch Fettleibige.
656 Fälle neu gemeldet
Löwer sagte, während der Grippesaison in Herbst und Winter werde es mehr schwere Krankheitsfälle und in der Folge auch erste Todesopfer geben. Auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, sagte, eine weitere Ausbreitung weltweit und auch in Deutschland sei nicht zu vermeiden. Das neue Influenza-Virus H1N1 sei gut von Mensch zu Mensch übertragbar.
Die Zahl der Infizierten in der Bundesrepublik ist laut RKI auf 8.619 gestiegen. Gegenüber dem Vortag wurden 656 Fälle neu gemeldet. Gut die Hälfte der Erkrankten lebt in Nordrhein-Westfalen (3.266 Fälle) und Niedersachsen (1.601). In Europa wurde bislang 28.908 Erkrankungen und 42 Todesfälle registriert, davon 30 in Großbritannien.
Inzwischen hat die iranische Regierung hat aus Sorge vor einer weiteren Ausbreitung der Schweinegrippe Pilgerreisen nach Mekka während des bevorstehenden Fastenmonats Ramadan verboten. In Argentinien ist die Zahl der Schweinegrippe-Toten auf 337 hochgeschnellt.
mit Material von AP
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum