Rassistischer Überfall: Regierungsdelegation aus Nigeria sagt Besuch in Potsdam ab
zuletzt aktualisiert: 20.04.2006 - 12:13Karlsruhe (rpo). Eine nigerianische Regierungsdelegation hat am Donnerstag ihren Besuch in Potsdam aus Angst vor rassisistischen Überfällen abgesagt. Unterdessen geht die Suche nach den Tätern des Angriffs auf den 37-jährigen Deutsch-Äthiopier Ermyas M. weiter. Das Opfer kämpft weiter um sein Leben.
Der 37-jährige Wasserbauingenieur war am Ostersonntag an einer Straßenbahnhaltestelle in Potsdam mit äußerster Brutalität zusammengeschlagen und dabei lebensgefährlich verletzt worden.
"Es gibt im Moment nichts Neues; zu Ermittlungsansätzen und zur Ermittlungsarbeit werden wir uns nicht äußern", sagte Nehm-Sprecherin Frauke Scheuten am Donnerstag in Karlsruhe. Bei der Polizei in Potsdam seien zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, die nun von der 25-köpfigen Sonderkommission ausgewertet würden. Die Belohnung für Hinweise auf die Täter wurde auf insgesamt 15.000 Euro aufgestockt.
Unterdessen sagte eine Regierungsdelegation aus Nigeria ihren Aufenthalt in einem Potsdamer Hotel unter Hinweis auf den rassistisch motivierten Mordversuch vom Ostersonntag ab. Die den nigerianischen Verkehrsminister begleitenden Wirtschaftsexperten weichen in ein Berliner Hotel aus.
Großkundgebung am Freitag
Mit einer Großkundgebung wollen die Potsdamer am Freitag ihrem Protest gegen den rassistischen Überfall Ausdruck verleihen. Die Demonstration in der Innenstadt solle "Zorn und Wut über diese Untat Ausdruck verleihen", erklärte Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) am Donnerstag. Jakobs, der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck, CDU-Landeschef Jörg Schönbohm und andere Spitzenpolitiker unterzeichneten den Aufruf "Wir sind Brandenburg! ", eine Initiative der SPD. Er soll dem Eindruck entgegenwirken, rechtsextreme Gewalt sei repräsentativ für das Bundesland.
Die für den späten Freitagnachmittag geplante Kundgebung wird von zahlreichen Organisationen unterstützt, darunter alle demokratische Parteien, Bündnisse gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, die Ausländerbeauftragten, die evangelischen Kirche, die Studierenden der Potsdamer Universität sowie die Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH. Am Mittwoch abend hatten mehrere hundert Menschen einen Fürbitt-Gottesdienst in der überfüllten evangelischen Friedenskirche im Schlosspark Sanssouci besucht.
"Wir sind die Patrioten. Dies ist unser Land", erklärten die Unterzeichner des im Internet veröffenlichten Aufrufes. Brandenburg sei ein weltoffenes Land für Menschen jeglicher Herkunft und Hautfarbe. Die Täter seien "Feinde unseres Landes", die alle Grenzen überschritten hätten. "Ermyas M. ist einer von uns - sie sind es nicht", heißt es in dem von der SPD-Geschäftsstelle verantworteten Aufruf weiter. "Wir sind Brandenburg. Und sie werden es niemals, niemals sein."
Weiterer Überfall
Nach einem offenbar ebenfalls fremdenfeindlichen Angriff auf einen Jemeniten in Berlin verhörte die Polizei die beiden mutmaßlichen Täter. Danach soll über mögliche Haftbefehle gegen die beiden 27- und 28-jährigen Männer entschieden werden, wie ein Polizeisprecher in Berlin mitteilte. Nach Zeugenaussagen hatte einer der beiden Männer bei der Auseinandersetzung am Mittwoch im Stadtteil Friedrichshain eine Flasche auf den Kopf des 35-jährigen Jemeniten geschlagen, der Zweite bedrohte ihn demnach mit einem Klappmesser.
Das Opfer erlitt eine Platzwunde und wurde nach ambulanter Behandlung wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Den Aussagen zufolge sollen die beiden Täter bei einem Wortwechsel ihr Opfer mit ausländerfeindlichen Parolen beschimpft haben.
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