| 19.39 Uhr

Wahl in Rheinland-Pfalz
Unterwegs im Tal der Tränen

Mainz. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel versucht die Wahl in Rheinland-Pfalz zu retten - und vielleicht auch sich selbst. Von Jan Drebes

Ein grauer Reisebus mit abgedunkelten Scheiben fährt vor, er hält an einer Baustelle. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) steigt aus, gut erkennbar an einem rot-leuchtenden Mantel und ihrem strahlenden Lächeln. Sie wartet noch einen Moment vor dem Bus, aber ihr Parteivorsitzender Sigmar Gabriel kommt nicht sofort hinterher. Da geht sie einfach schon mal vor, gibt Baustellenchef Michael die Hand und beginnt ein Gespräch. Als auch Gabriel aus dem Bus steigt, schließt er schnell zu Dreyer auf, so reden sie weiter. Ein wenig wirkt es, als würden sie sich gegenseitig stützen.

Sie freut sich, sagt sie

Fünf Tage vor der so wichtigen Landtagswahl in Rheinland-Pfalz hat Dreyer noch einmal Besuch von Gabriel bekommen. Sie freut sich über die Unterstützung, sagt das in jedes Mikrofon. Aber ob sie darauf angewiesen ist? Nein, das weist sie mit dem Hinweis zurück, die Bundespolitik habe auf Landtagswahlkämpfe und die Entscheidung der Menschen deutlich weniger Einfluss, als weithin geglaubt werde. Die Botschaft: Dreyer kann auch alleine mit Handwerksmeistern und Architekten reden.

Und tatsächlich hat sie es in den vergangenen Wochen geschafft, mit ihrer smarten CDU-Herausforderin Julia Klöckner wieder auf Augenhöhe zu kommen. Noch im November hatte die Forschungsgruppe Wahlen Klöckners CDU bei 41 Prozent gesehen, Dreyer und die SPD abgeschlagen bei 30 Prozent. Mittlerweile liegen sie nur noch einen Punkt auseinander, bei 35 und 34 Prozent. Das lag nach Beobachtung der SPD mitunter auch an Klöckners Agieren gegen die Kanzlerin. Dennoch wäre die Sensation komplett, wenn es Dreyer tatsächlich auf den letzten Metern noch gelingen sollte, das Rennen für sich zu entscheiden und mit der SPD nicht nur stärkste Kraft im Land zu bleiben, sondern auch im Amt der Regierungschefin.

Ein Desaster droht auch Gabriel

Andersherum gilt: Verliert Dreyer die Mehrheit, dürfte der kommende Sonntag für die SPD ein reines Desaster werden - und für Gabriel ebenso. Immerhin würde Dreyer in einer SPD-Bastion entthront. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die SPD auch in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt geschlagen wird. In beiden Ländern stehen die Sozialdemokraten derzeit nur in etwa auf demselben Rang wie die rechtspopulistische AfD. Für Gabriel und seinen SPD-Kurs in Berlin sind die Landtagswahlen daher der Richtungsweiser. Gehen sie verloren, wächst der Druck auch auf ihn. Das einzige, was ihn dann entlasten könnte, ist ein Erfolg in Rheinland-Pfalz.

Dreyer und Gabriel geben sich daher alle Mühe. Sie wirken trotz des drohenden Sturms auffallend ruhig, gelassen, gar gelöst. Gabriel, der seit Wochen mit einer Erkältung kämpft, ist charmant und aufgeschlossen. Er plaudert mit Michaels Kollegen. Der hat sich zurückgezogen, ihm sei das zu viel Trubel. Und er könne ohnehin ausschließen, dass er die SPD wählt. Auch nicht die CDU. Aber auch nicht die AfD oder die NPD, beide Parteien waren ihm aufgrund seiner Angaben vom "Wahl-O-Maten" im Internet empfohlen worden. "Man muss ja auch die kleinen Parteien unterstützen", meint Michael. Rechts wolle er aber nicht wählen.

Mangel an bezahlbaren Wohnungen

Gabriel geht es neben Wahlkampfhilfe aber auch darum, ein Gefühl für das nächste drängende Problem zu bekommen, das er im Bund lösen muss: den Mangel an bezahlbaren Wohnungen. Auf dem Programm der Wahlkampfreise steht ein Besuch eines Mainzer Wohnprojekts, wo mehrere Generationen in unmittelbarer Nachbarschaft und zu geringen Mieten zusammenleben sollen.

Längst dränge das Wohnungsproblem nicht nur in den Ballungsräumen, meint Gabriel. Auch in Kleinstädten und teils sogar im ländlichen Raum wird die Lage ernster, die bereits beschlossenen Haushaltsmittel von 500 Millionen Euro reichten da lange nicht aus, meint der SPD-Chef.

Eine 78-jährige Frau steht etwas abseits, als Gabriel, Dreyer und der Medientross beim Quartier "Am Cavalier Holstein" in Mainz vorfahren. Die Anlage wurde neu errichtet, an vielen Stellen stehen noch Bauzäune, ein Elektriker arbeitet an einem Klingelschild. Die Frau wohnt selbst dort, engagierte sich früher bei der CDU. Sie hält Dreyer für eine gute Ministerpräsidentin. Die habe eine sehr ausgeprägte soziale Stärke, sei verlässlich, agiere besonnen, sagt die Rentnerin. Klöckner hingegen habe bei den Menschen viel Vertrauen verspielt durch ihren so empfundenen Schulterschluss mit CSU-Chef Horst Seehofer. Wen sie wählen werde, sei nicht ausgemacht, sagt die Frau.

Das Rennen ist noch offen.

Quelle: RP
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