Landtagswahl in Hessen: Roland Koch – Comeback auf Hessisch
VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 18.01.2009 - 22:05Wiesbaden (RP). Dank massiver Zugewinne der FDP kann Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) an der Spitze einer schwarz-gelben Koalition weiterregieren. Die Erleichterung darüber, das politische und persönliche Desaster der Landtagswahl von Januar 2008 wieder wettgemacht zu haben, war ihm am Wahlabend deutlich anzumerken.
Der hessische Grünen-Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir, beliebtester Politiker in Hessen, hat in dem kurzen Winterwahlkampf einen schönen Satz über den weniger beliebten CDU-Spitzenkandidaten Roland Koch gesagt: Koch sei nach den SPD- und Ypsilanti-Wirren im vergangenen Jahr ein Elfmeter geschenkt worden. Elfmeter gelten im Fußball als beinahe hundertprozentige Chance zum erfolgreichen Torschuss. Sonntagabend im Wiesbadener Landtagsgebäude sagte ein junger CDU-ler mit Blick auf den alten und neuen Ministerpräsidenten: „Der Roland hat den Elfer verwandelt, das allein zählt.”
Koch kam schon eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale in seine Fraktion. Er lächelte, wirkte wie ein Kicker, der etwas Bammel vor dem Elfmeter hatte und dann heilfroh ist, dass der nicht optimal getroffene Ball doch im Netz zappelt. Neben ihm stand sein Freund aus politischen Jugendtagen, Innenminister Volker Bouffier. „Er ist und bleibt unser Anführer”, hatte Bouffier betont, nachdem Koch bei der Wahl vor 357 Tagen um zwölf Prozentpunkte gesackt war und das auch persönliche Desaster nicht fassen mochte. Nun hat „der Anführer” geschafft, was 2008 monatelang kaum jemand für möglich gehalten hat: die sichere Aussicht auf eine so genannte bürgerliche Mehrheit von CDU und FDP.
CDU-Landesminister Wilhelm Diezel gab rundheraus zu, seine Partei habe sich 40 Prozent und mehr erhofft. Koch, den Diezel als den vielleicht fähigsten Politiker in Deutschland bezeichnete, hat das insgeheim auch getan. Sein engster politischer Vertrauter, Regierungssprecher Dirk Metz, meinte, nachdem feststand, dass die Union ihr miserables Resultat von 2008 nur minimal verbessern konnte: „Die persönlich geführte Kampagne der linken Parteien gegen Roland Koch hat leider bei einigen Wählern Wirkung gezeigt.”
Kochs Ehefrau Anke, die bei eher seltenen öffentlichen Auftritten nicht immer guckt, als genieße sie so etwas, war Sonntag mit ihrem Mann in die Fraktion gekommen. Sie scherzte mit Bouffier, lachte zustimmend, als ihr Ehemann unter dem Jubel der Sympathisanten mit den überwiegend orangefarbenen CDU-Schals feststellte: „Der Spuk ist vorbei, hessische Verhältnisse gibt’s nicht mehr, es gibt klare Verhältnisse für eine bürgerliche Regierung.”
Bei der FDP hatte man seit Tagen geahnt, dass es einer der fröhlichsten Wahlabende in der Geschichte der hessischen Liberalen werden würde. Dass es im positiven Sinn jedoch „so dicke” gekommen ist, wie ein Wiesbadener Jungliberaler sich ausdrückte, das hat FDP-Spitzenkandidat Jörg-Uwe Hahn nicht für möglich gehalten. Der frühere FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Gerhardt, ein Hesse, murmelte immer wieder „fabelhaft, fabelhaft”, als er das neue hessische „Projekt 16” seiner Parteifreunde bestaunte. SPD-Landesvize Gernot Grumbach fackelte nicht lange, sprach von einer klaren, krachenden Niederlage, die Partei sei von zwei Seiten zerrieben worden.
Der Noch-Generalsekretär der SPD, Norbert Schmitt, erklärte, wie Genosse Grumbach das gemeint habe: Die SPD habe diejenigen enttäuscht, die Ypsilantis Schwenk zur Linkspartei nicht gewollt hätten, und jene, die sich ärgerten, dass die rot-grüne Minderheitsregierung mit Hilfe der Linken nicht zustande gekommen sei.
Die Frau, die mit ihrem Namen für beide Enttäuschungen steht, Andrea Ypsilanti, tat am Abend das, was die meisten von ihr erwartet hatten: Sie trat als Partei- und Fraktionschefin zurück. Doch einige zuckten merklich zusammen, als sie erwähnte, sie resigniere nicht. „Sie wird es sich doch nicht noch einmal überlegen?”, raunte jemand scherzend im SPD-Fraktionssaal.
Die SPD spielte Sonntag eine Variante des uralten Stücks: Die Königin ist tot, es lebe der König. Noch ist Ypsilantis Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel ein SPD-König ohne Land. Aber die Sympathien flogen dem auf manche Hessen bereits kultig wirkenden Langen auffallend deutlich zu: „TSG, TSG”, riefen die schwer geschlagenen Sozialdemokraten im Saal.
Ypsilanti, auf die am Wahlabend vor einem Jahr der Jubel geprasselt war, wirkte auf einmal wie von Sonntag. Wer erwartet hatte, sie werde sich für ihren Wortbruch bei den Wählern entschuldigen, wurde enttäuscht. Trotzig merkte die derzeit unbeliebteste hessische Politikerin an, man erlebe einen schwarzen Tag, denn die „Kräfte, die für eine soziale Moderne stehen”, hätten verloren. TSG machte es besser: „Wenn”, so sagte Schäfer-Gümbel mit Blick auf Ypsilanti, „Andrea die politische Verantwortung für diesen Denkzettel übernommen hat, dann sage ich, die SPD hat das insgesamt zu verantworten, weil wir diesen Weg gemeinsam entschieden haben.” „Respekt”, entfuhr es einer Sozialdemokratin, die früher für Ypsilanti war: „Der Thorsten ist wirklich ein ehrlicher Kerl.”
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