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Angst vor "Party-Patriotismus": Roth warnt vor Missbrauch der EM-Euphorie

zuletzt aktualisiert: 24.06.2008 - 14:01

Bonn (RPO). Das Halbfinal-Fieber greift um sich. Auch in der Politik. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth hat Angst vor dem "Party-Patriotismus" und bezeichnet zwei türkische Spieler als Beispiel für eine "misslungene Integrationspolitik". Vertreter der CSU lassen sich eine solche Steilvorlage nicht entgehen. "Völliger Unsinn", heißt es kurz und knapp.

Die Grünen-Chefin warnt vor einem Missbrauch der positiven EM-Stimmung für nationalistische Zwecke. Im Zusammenhang mit den Siegesfeiern bei der Fußball-EM sprach Roth im Fernsehsender Phoenix von einem "Party-Patriotismus". Sie warne davor, dass man diese Leichtigkeit, das Feiern und die Fröhlichkeit, "gleich wieder auflädt, mit dem Bezug zum eigenen Volk".

Kritik äußerte Roth an den Äußerungen des Trainers Fatih Terim unmittelbar nach dem Sieg gegen Kroatien: Auf türkischer Seite gebe es vom Fußballverband und vom Trainer die Gefahr "einer unglaublichen Aufladung", die eine Gefahr darstelle.

Wenn sie höre, dass Allah das Tor geschenkt zu Ehre der Nation geschenkt habe, "dann entsteht da etwas, dann wird da etwas angefacht, was in der Türkei ein großes Problem ist: nämlich Nationalismus auch gegen Minderheiten".

Der stellvertretende Unionsfraktionschef Wolfgang Bosbach (CDU) sprach sich dafür aus, die Äußerungen des türkischen Trainers nicht zu stark zu bewerten: "Wenn man wenige Minuten nach solchen Spielen das Mikrofon vorgehalten bekommen, dann ist das etwas völlig anderes, als wenn man sich drei Tage auf eine Rede im Deutschen Bundestag vorbereitet - dann sagt man das, was einem spontan einfällt und dann darf man auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen." Er sei jedoch strikt dagegen, dass das Fußballspiel am Mittwochabend aufgeladen werde - "weder mit politischem noch mit nationalem Pathos, noch mit historischen Vergleichen".

Verfehlte Integrationspolitik?

Zugleich gab es Kritik an der Grünen-Vorsitzenden, die es laut "Bild" in der türkischen Zeitung "Hürriyet" als Zeichen verfehlter Integrationspolitik wertete, dass zwei in Deutschland geborenen türkischen Nationalspieler bei der EM nicht für Deutschland antreten. Sie könne es nicht verstehen, "dass so talentierte Spieler wie Hamit Altintop und Hakan Balta für die Türkei spielen, wenn sie in Deutschland geboren sind. Das zeigt wieder einmal, dass unsere Integrationspolitik nicht funktioniert."

"Frau Roth redet völligen Unsinn! Podolski, Klose und Kuranyi sind ein gutes Gegenbeispiel - sie könnten auch in anderen Mannschaften spielen, haben sich aber bewusst für das deutsche Nationalteam entschieden", hielt der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Bundestagsfraktion, Hartmut Koschyk, in der "Bild" dagegen.

Der grüne Europa-Experte Omid Nouripour stellte sich hinter seine Parteifreundin: "Schon auf dem Fußballplatz entscheidet sich, wie wir hierzulande mit unseren vielen Talenten aller Nationalitäten umgehen", sagte er der Zeitung. "Da hat Deutschland erheblichen Nachholbedarf."

Künstlich angeheizte Stimmung

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, warnt vor dem EM-Halbfinalspiel Deutschland-Türkei am Mittwoch davor, die Stimmung künstlich anzuheizen. Er geht von einem friedlichen Verhalten der deutschen und türkischen Fußball-Fans aus und befürchtet keine Ausschreitungen am Rande der Partie. "Wir sollten jetzt keine Krawalle herbeireden und die Stimmung auch nicht unnötig anheizen. Deutsche und Türken wollen ein gutes Fußballspiel gemeinsam erleben ohne Gewalt", sagte Kolat der "Passauer Neuen Presse".

Es sei auffällig, dass die Debatte vor dem Spiel gegen die Türkei besonders intensiv geführt werde, anders als bei anderen Spielen. "Da sind noch einige Vorurteile mit im Spiel. Eine gemeinsame große Fußballfeier wäre die richtige Antwort darauf. Ich hoffe, die Fans auf beiden Seiten bleiben friedlich und besonnen", sagte Kolat. Für die Türkische Gemeinde in Deutschland gelte: "Wir haben schon gewonnen und stehen mit Deutschland oder der Türkei auf jeden Fall im Endspiel."

Der 48-Jährige, der sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, stuft das Spiel zudem als gute Gelegenheit ein, die Freundschaft zwischen beiden Völkern auszubauen: "Ich hoffe, dass die Partie einen Beitrag zur Integration der Menschen leisten kann."

Deutsche lernen das Feiern von den Türken

Damit mögliche Feindseligkeiten zwischen deutschen und türkischen Anhängern während der Begegnung gar nicht erst aufkommen, hofft Kolat auf "einen Schiedsrichter mit viel Autorität, einen klaren Spielverlauf und kaum Diskussionsstoff." Die Atmosphäre unter den Fans werde auch davon abhängen, ob es im Spiel Probleme gibt, beispielsweise wenn der Schiedsrichter umstrittene Entscheidungen fällt, meinte der gelernte Diplom-Ingenieur.

"Ich hoffe auf ein 2:1 für die Türkei. Deutschland war schon Europameister, die Türken noch nie. Daher sollten uns die Deutschen den Erfolg gönnen", erklärte Kolat sein persönliches Wunschergebnis.

Unabhängig vom Ausgang des Spiels, hätten die Deutschen laut Kolat aber eines bereits von den Türken gelernt: Nämlich wie richtig gefeiert wird. "Schließlich hatten die Deutschen lange Angst, Fahnen in die Hand zu nehmen. Da haben wir einen Beitrag zu Integration der Deutschen in ihrem eigenen Land geleistet."

 

Quelle: afp2

 
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