Landtagswahlen in NRW: Rüttgers auf "Zuhör-Tour" in Willich
VON DETLEV HÜWEL - zuletzt aktualisiert: 14.01.2010 - 07:48Düsseldorf/Willich (RP). Jürgen Rüttgers beteuert zwar immer wieder, dass der Landtagswahlkampf erst nach Ostern im April losgehen werde. Doch man tut dem CDU-Ministerpräsidenten gewiss keinen Tort an, wenn man seine neue "Zuhör-Tour" als pfiffigen Wahlkampf mit anderen Mitteln wertet. Hierbei mischt der 58-jährige unters (Wahl-)Volk, und die Menschen genießen es sichtlich, dass ein Politiker ihre Sorgen und kritischen Anmerkungen ernst nimmt.
Wie gestern Abend im Städtchen Willich im Kreis Viersen, wo es in der Festhalle kaum noch einen Stehplatz gab. An die 300 Bürger waren gekommen, um ihren Regierungschef ganz aus der Nähe zu sehen und ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen.
Gleich die erste Frage erweist sich als kniffelig. Es geht ums Sorgerecht. Rüttgers ("Ich bin kein Fachmann dafür") verspricht: "Ich frag' da mal in Berlin nach." Der Fragesteller, der das Sorgerecht für seine beiden Kinder begehrt, soll schriftlich Antwort bekommen. Die wachsende Zahl von Demenzerkrankungen, das Problem Landesbanken, die Verschuldung des Landes und die steuerliche Belastung von mittelständischen Betrieben sind weitere Fragen, die auf ihn hereinprasseln. Rüttgers, der ringsum umgeben ist von den Bürgern, dreht sich mehrfach im Kreis, um alle anzusprechen. Applaus bekommt er für seine Forderung, eine Grundrevision von Hartz IV vorzunehmen, dabei allerdings auch endlich die Bezeichnung zu ändern: "Der Name geht mir langsam auf den Keks."
Obwohl stark erkältet, gerät Rüttgers beim Thema Schule so richtig in Fahrt. Eine Debatte über Schulformen werde er sich nicht aufdrängen lassen. Es komme darauf an, dass jedes Kind eine Chance bekomme. Und etwas zu essen. Es dürfe doch nicht wahr sein, dass Kinder ohne Frühstück in die Schule geschickt würden. Gern bringt er seine Familie ins Spiel ("Ich habe drei Jungs, der mittlere ist 14"). Seine Frau gehe jeden Montag in die Schule, um für die anderen Kinder Butterbrote zu schmieren.
Ein junger Unionsmann, der aus Köln angereist ist, wirbt für die Herausgabe einer Sonderbriefmarke zum 80. Geburtstag von Ex-Kanzler Helmut Kohl. Wie er dazu stehe, wird Rüttgers gefragt. Launige Antwort: "Ich hab' nix dagegen." Und dann doch ganz offen Wahlkampf. Auf die Frage, wie er für Entbürokratisierung im amtlichen Schriftverkehr sorgen wolle, entfährt es dem Regierungschef ganz freimütig: "Also erst einmal die Wahl gewinnen."
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