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Rüttgers in Amerika (2): Rüttgers in der Geisterstadt

VON SVEN GÖSMANN - zuletzt aktualisiert: 09.02.2010 - 08:21

Washington (RPO). Ist das eine Supermacht? Oder doch „Obervolta mit Raketen“, wie Helmut Schmidt einst lästerte? Ein Bagger räumt Schnee, ein paar hilflose Verkehrswächter versuchen, mit der Trillerpfeife den Verkehr zu regeln. Das ist Washington D.C. nach – und vor dem Schneesturm.

RP-Chefredakteur Sven Gösmann ist mit Jürgen Rüttgers in den USA unterwegs.  Foto: Daniel Biskup
RP-Chefredakteur Sven Gösmann ist mit Jürgen Rüttgers in den USA unterwegs. Foto: Daniel Biskup

Der NRW-Ministerpräsident beginnt seine fünftägige USA-Reise in der „Weißen Hölle“, wie die hysterischen US-Medien das seit Tagen andauernde Winterwetter an Amerikas Ostküste eilig getauft haben. Der größte Inszenierungskünstler amerikanischer Wirklichkeit, Präsident Barack Obama, hat verbal noch einen draufgelegt, als er sich am Sonntag durch den bis zu ein Meter hohen Neuschnee zu einem Gottesdienst chauffieren ließ: „Snowmageddon“, sagte der in diesem Moment ohnmächtigste Mann der Welt und kapitulierte vor den Naturgewalten.

Rüttgers hat es besser. Er erwischt mit seiner einunddreißigköpfigen Entourage sozusagen den Slot zwischen zwei Schneestürmen. Bei strahlendem Sonnenschein und milden null Grad checken er und seine Begleiter (unter anderen Kulturfunktionär Dieter Gorny, Politikprofessor Karl-Rudolf Korte) im altmodisch-noblen „The Hay-Adams“ ein. Auf den Straßen zum Hotel unweit des Weißen Hauses kaum ein Auto, kaum ein Mensch: In Washington D.C. ist schulfrei, alle Behörden und die meisten Büros haben geschlossen aus Angst vor dem großen Schnee.

Der CDU-Politiker Rüttgers ist trotzdem ganz guter Laune, hat er doch die Schlagzeilen seit dem Wochenende mitbestimmt durch seine Weigerung, einer Steuersenkung auf Bundesebene um jeden Preis zuzustimmen. Am Abend bewegt zudem noch eine nicht mehr ganz taufrische Anekdote, die über die Nachrichtenagenturen läuft, den Rüttgers-Tross: Hat der stellvertretende CDU-Chef nach der Bundestagswahl am 27. September vergangenen Jahres einen Putsch gegen den Unionsfraktionschef im Bundestag, Volker Kauder, mit angeführt, um seinen Parteifreund-Feind, Norbert Röttgen an dessen Stelle zu bugsieren? Olle Kamellen, beschwichtigt Rüttgers, sei alles schon zu lesen gewesen.

Die Aufregung bestätigt aber das gestiegene Interesse am Wahlkämpfer Jürgen Rüttgers. Gerade abseits der Heimat erwarten die mitgereisten Journalisten von „Spiegel“ bis „Financial Times Deutschland“ Hinweise darauf, wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident nun wirklich tickt: schwarz-grün, doch schwarz-gelb, gar großkoalitionär?

Rüttgers, nicht frei von Eitelkeit, gefällt das gestiegene Interesse an ihm. Sicherheitshalber hat er seinen ansonsten allgegenwärtigen Planungschef Boris Berger in Düsseldorf belassen, damit dieser dort die Stallwache hält. Bis zum 9. Mai kommt es auf klar platzierte Botschaften an. Der Kurs soll wohl sein, mit gezielten Provokationen und Absetzbewegungen den Proteststurm mit Schwarz-Gelb unzufriedener Bürger möglichst elegant um die Düsseldorfer Staatskanzlei gen Berlin zu lenken.

Die Taktik ist nicht neu, ob sie aber aufgeht? Die kleine Reisegruppe in der Geisterstadt beschäftigt sich jedenfalls meistens wenig mit Amerika und viel mit der Wahl. Von Düsseldorf bis Washington sind es eigentlich neun Flugstunden. Doch die aktuelle Entfernung sind ein Gedanke und ein Telefonanruf. Für heute sind 40 Zentimeter Neuschnee angesagt. Viel Zeit zum Nachdenken und zum Telefonieren also.


 
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