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Interview mit der CDU-Vize Annette Schavan
Schavan will Ministerin bleiben
Das ist Annette Schavan
Das ist Annette Schavan FOTO: dpa, Bernd Von Jutrczenka
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) spricht im Interview mit unserer Redaktion über ihren Rückzug aus der Parteispitze, die Diskussion um ihre Doktorarbeit, die Probleme bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses und das duale Ausbildungssystem als deutschen Exportschlager Von M. Bröcker und E. Quadbeck

Warum ziehen Sie sich als Vize-Chefin der CDU zurück?

Schavan Politische Ämter sind Ämter auf Zeit. 14 Jahre sind eine ungewöhnlich lange Zeit. Siebenmal gewählt zu werden, ist ein großer Vertrauensbeweis. Ich finde, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Platz zu machen für ein neues Gesicht. Man muss ja nicht warten, bis andere sagen, man solle mal Platz machen.

Liegt es am fehlenden Rückhalt im eigenen Landesverband?

Schavan Wenn man siebenmal gewählt wird, fünfmal mit dem besten Ergebnis und zweimal mit einem mäßigen Ergebnis, dann kann man sich nicht über fehlenden Rückhalt beklagen.

Und es hat nichts mit der Prüfung Ihrer Dissertation durch die Düsseldorfer Universität zu tun?

Schavan Das hat mit meiner Doktorarbeit nur insofern zu tun, als dass sich diese inhaltlich mit dem Thema Gewissen befasst. Und das Gewissen hilft einem, den richtigen Zeitpunkt für die Abgabe eines Amtes zu finden.

Sollte das neue Gesicht in der CDU-Vize-Riege Julia Klöckner gehören?

Schavan Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, das besagt: Wer ein Amt abgibt, . . .

. . . redet nicht über die Nachfolger.

Schavan Und daran werde ich mich konsequent halten.

Sollte ein Mitglied des baden-württembergischen Landesverbandes Ihnen nachfolgen?

Schavan Darüber wird der Landesverband beraten und braucht von mir keinen öffentlichen Rat.

Sind denn auch acht Jahre Bildungsministerin genug?

Schavan Nö.

Warum nicht?

Schavan Weil ich mich auch in den nächsten Jahren gerne für die Zukunftschancen der jungen Generation und für einen attraktiven Forschungsstandort Deutschland einsetzen möchte. Deshalb werde ich wieder für den Bundestag kandidieren.

Warum gibt es nach zehn Jahren immer noch so viel Unzufriedenheit bei der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master?

Schavan Die Hauptquelle der Unzufriedenheit ist offenbar der Eindruck, dass die Unis zwar Kompetenzen vermitteln, die allgemeine Bildung aber zu kurz kommt. Deshalb planen wir eine bundesweite Konferenz zum Thema "Bildung durch Wissenschaft". Ich werde zunächst ein Bilanz-Gespräch mit dem Präsidium der Hochschulrektorenkonferenz führen. Im Herbst werde ich einen Expertenrat aus Hochschullehrern aller Hochschultypen einsetzen, der Vorschläge zum Thema machen soll.

Was soll sich konkret ändern?

Schavan Ich erwarte zum Beispiel Vorschläge, den Studierenden den Start ins Studium und dessen Organisation zu erleichtern. Es geht auch darum, das Studium mit mehr Praxiserfahrung zu verknüpfen. Den größten Zulauf erlebten in den vergangenen Jahren Fachhochschulen und duale Studiengänge. Es ist augenscheinlich, dass vielen Studierenden heute die Praxis-Erfahrung sehr wichtig ist.

Ist das Zeitalter der Studiengebühren in Deutschland vorbei?

Schavan Ich bin überzeugt, dass sich Studiengebühren in den Ländern, in denen es sie gibt, also Niedersachsen und Bayern, positiv auf die Hochschulen auswirken. Die Abschaffung der Studiengebühren bedeutet dort einen Qualitätsverlust, wo die Länder die Hochschulen nicht mit den entsprechenden Mitteln ausstatten.

Sollte die CDU sich im Bundestagswahljahr 2013 für die Einführung von Studiengebühren aussprechen?

Schavan Die Frage der Studiengebühren war auch in der CDU immer umstritten. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Studiengebühren die Angebote für Studierende verbessern. Hätten wir flächendeckend Studiengebühren, dann wären jährlich zwei Milliarden Euro mehr im System.

Was kann Deutschland gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Europa tun?

Schavan Wir brauchen einen europäischen Ausbildungsmarkt, auf dem die jungen Leute über Ländergrenzen hinweg einen Ausbildungsplatz suchen können. Noch wichtiger ist es, mittelfristig die berufliche Ausbildung in anderen Ländern aufzubauen. Daran arbeiten wir. Spanien, Griechenland, Portugal und Finnland haben aktuell ihr Interesse am deutschen dualen Ausbildungssystem bekundet.

Wie soll ein gemeinsamer Ausbildungsmarkt funktionieren?

Schavan Die jungen Leute müssen gut informiert werden. Es müssen genug Sprachkurse angeboten werden. Und wir brauchen ein erhöhtes Engagement der Unternehmen. Zudem müssen wir auf europäischer Ebene darüber beraten, wie wir Mittel aus den Strukturfonds – das sind allein für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa 7,3 Milliarden Euro – für den Aufbau der dualen Ausbildung bereitstellen können.

Brauchen wir auch einen Ausbildungspakt nach deutschem Vorbild?

Schavan Es ist eine der vordringlichen Aufgaben in Europa, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Deshalb brauchen wir einen europaweiten Ausbildungspakt, bei dem Unternehmen und Politik Hand in Hand arbeiten. Es muss in Europa die Regel werden, dass jeder Jugendliche ein Angebot für Ausbildung, Praktikum oder Berufseinstieg bekommt – am besten innerhalb von drei Monaten.

Michael Bröcker und Eva Quadbeck führten das Gespräch.

Quelle: RP/das/jh-
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