"Keine Ingenieure als Aushilfslehrer": Schulforscher kritisiert Schavan
zuletzt aktualisiert: 25.02.2009 - 07:30Düsseldorf (RP). Der Bielefelder Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann hat den Vorstoß von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) kritisiert, Ingenieure als Aushilfslehrer einzusetzen. "Das ist kein Rezept für den Umgang mit dem Lehrermangel in Deutschland", sagte Tillmann unserer Redaktion.
Was halten Sie vom Vorstoß der Bildungsministerin Annette Schavan, Ingenieure als Hilfslehrer einzusetzen?
Tillmann Das kann im Einzelfall hilfreich sein, ein Rezept für den Umgang mit dem Lehrermangel in Deutschland ist es nicht.
Warum nicht?
Tillmann Weil Schulen Fachkräfte brauchen, die sich kontinuierlich in der Schule engagieren, nicht nur ein, zwei Stunden pro Woche. Die Vorstellung, wer im Berufsleben erfolgreich ist, werde auch unterrichten können, ist abwegig. Unterrichten muss man lernen, darum sollten nur Menschen vor die Klasse treten, die Inhalte didaktisch aufbereiten können.
Wie soll die Politik denn auf den akuten Lehrermangel reagieren?
Tillmann Die Schulminister der Länder hätten viel früher reagieren müssen, das ist das eigentliche Problem. Sie hätten die Arbeitsbedingungen, in einigen Ländern auch das Gehalt von Lehrern verbessern müssen, um mehr Nachwuchs anzuziehen. Langfristig planen und auf populistische Schnellschüsse verzichten – nur das hilft weiter.
Experten aus der Praxis machen aber vielleicht praxisnäheren Unterricht.
Tillmann Grundsätzlich finde ich die Idee auch vernünftig, fachlich qualifizierte Menschen als Quereinsteiger in den Lehrerberuf zu holen, doch müssen sie eine pädagogische und didaktische Ausbildung erhalten. Das kann auch berufsbegleitend geschehen.
Selbst ausgebildete Lehrer sagen aber oft, dass sie das Unterrichten erst in der Praxis gelernt haben.
Tillmann Wo angehende Lehrer ihre berufliche Qualifikation aufbauen, ob an der Uni, im Lehrerseminar oder in der Praxis, ist umstritten. Sicher lässt sich auch an der Lehrerausbildung noch vieles verbessern. Aber es käme doch auch niemand auf die Idee, Defiziten in der Ausbildung von Kfz-Mechanikern dadurch zu begegnen, dass man Autoreparaturen künftig von Kellnern machen lässt.
Eine Studie hat gerade ergeben, dass Lehrer oft zu den Schlechteren ihres Abi-Jahrgangs gezählt haben. Wie kann man verhindern, dass der Beruf Menschen anzieht, die in der freien Wirtschaft keine Chance hätten?
Tillmann Der Abi-Schnitt sagt wenig darüber, ob ein Mensch ein guter oder schlechter Lehrer wird. Aber es ist sicher so, dass das deutsche Schulsystem mit seiner extremen sozialen Differenzierung manche Schultypen so unattraktiv macht, dass der Lehrernachwuchs dort ausbleibt. Auch deshalb sollten mehr Schüler länger zusammen unterrichtet werden. Denn nur so lässt sich sicherstellen, dass alle Schüler von qualifizierten Fachkräften unterrichtet werden.
Das Interview führte Dorothee Krings.
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